150 Jahre Kapital

23. September 2017

Am 14. September vor 150 Jahren erschien der erste Band des Kapitals von Karl Marx. Es war ein Wendepunkt in der theoretischen und historischen Entwicklung der Menschheit. Marx deckte die Bewegungsgesetze des Kapitalismus und die Ursachen des davon verursachten Elends auf. Vor allem aber erhob er den Kampf für eine Welt ohne Ausbeutung und für die wahre Befreiung des Menschen – d. h. den Kampf für Sozialismus – aus dem Reich der Hoffnungen und Träume zur Wissenschaft.

Um 2 Uhr morgens am 16. August 1868 hatte Marx die letzten Korrekturbögen geprüft und schrieb an seinen lebenslangen Freund und Mitstreiter Friedrich Engels: „Also dieser Band ist fertig. Bloß Dir verdanke ich es, dass dies möglich war! Ohne Deine Aufopferung für mich konnte ich unmöglich die ungeheuren Arbeiten zu den drei Bänden machen.“

In seiner Grabrede für Marx erklärte Engels: „Charles Darwin entdeckte das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur auf unserem Planeten. Marx ist der Entdecker jenes grundlegenden Gesetzes, das den Gang und die Entwicklung der menschlichen Geschichte bestimmt ...“.

Vor Marx war die Beschäftigung mit solchen Themen von religiöser Mystik oder der Anrufung moralischer Rezepte und Ideologien geprägt. Marx wies nach, dass die menschliche Gesellschaft nicht aus ihren ideologischen Anschauungen – wie Kunst, Politik, Philosophie, Zeitgeist – zu erklären ist, sondern aus ihrer ökonomischen Entwicklung, auf deren Grundlage ihre Institutionen und Ideologien erstehen.

Diese Erkenntnis bildete das Fundament des Kommunistischen Manifests, das im November 1847 veröffentlicht worden war. Die darauffolgenden 20 Jahre widmete sich Marx der Anwendung der neuen Theorie auf die Untersuchung der modernen kapitalistischen Gesellschaft.

Im Nachwort zur zweiten Auflage zitiert Marx ausführlich aus einer Rezension der Erstauflage, um seine Methode zu erläutern: „Demzufolge bemüht sich Marx“, hatte der Kritiker geschrieben, „nur um eins: durch genaue wissenschaftliche Untersuchung die Notwendigkeit bestimmter Ordnungen der gesellschaftlichen Verhältnisse nachzuweisen und soviel als möglich untadelhaft die Tatsachen zu konstatieren, die ihm zu Ausgangs- und Stützpunkten dienen. Hierzu ist vollständig hinreichend, wenn er mit der Notwendigkeit der gegenwärtigen Ordnung zugleich die Notwendigkeit einer andren Ordnung nachweist, worin die erste unvermeidlich übergehn muss ... Marx betrachtet die gesellschaftliche Bewegung als einen naturgeschichtlichen Prozess, den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Bewusstsein und der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren Wollen, Bewusstsein und Absichten bestimmen.“

Damit legt Marx in keiner Weise nahe, dass der Kapitalismus von selbst zusammenbrechen werde. Er muss von seinem historischen Totengräber gestürzt werden – von der Arbeiterklasse als der gesellschaftlichen Kraft, die der Kapitalismus selbst hervorgebracht hat. Andernfalls droht der menschlichen Zivilisation der Untergang.

Marx‘ Arbeit beruhte auf einer streng wissenschaftlichen Analyse, wurde aber nicht um der bloßen wissenschaftlichen Erkenntnis willen unternommen. Ihr Ausgangspunkt war das revolutionäre Bestreben, der Arbeiterklasse zu den theoretischen Waffen zu verhelfen, die sie brauchte, um den Kapitalismus zu stürzen und eine höhere Gesellschaftsform zu errichten.

Diese beiden Aspekte von Marx‘ Schaffen hingen unmittelbar zusammen. Die Arbeiterklasse, so Marx, konnte nur an die Macht gelangen, wenn sie über eine wissenschaftliche Analyse der Gesellschaftsordnung verfügte, die sie zum Kampf zwang. Gleichzeitig war er nur deshalb zu bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Kapitalismus fähig, weil er als Revolutionär der kapitalistischen Gesellschaft kritisch gegenüberstand und bestrebt war, die ideologischen Formen zu durchdringen, die seinen wahren Charakter verschleierten. So erklärt sich der Untertitel des Kapitals: „Kritik der politischen Ökonomie“.

Als das Werk erstmals erschien, wurde es von der bürgerlichen Intelligenz kaum zur Kenntnis genommen. Dennoch verbreiteten sich die darin dargelegten Ausführungen und Analysen. Das Kapital wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und galt innerhalb weniger Jahrzehnte als „Bibel der Arbeiterklasse“. Es bot eine Analyse über die Ursachen der Verwüstungen, die der Kapitalismus anrichtete, und vor allem stattete es die Arbeiterbewegung mit einer historischen und politischen Perspektive aus.

Die unabdingbare Voraussetzung dafür war der entscheidende Durchbruch, den Marx auf dem Gebiet der politischen Ökonomie erzielt hatte. Wie alle großen wissenschaftlichen Denker ruhte Marx auf den Schultern seiner Vorgänger, insbesondere den beiden Hauptvertretern der klassischen politischen Ökonomie, Adam Smith und David Ricardo.

Smith und Ricardo entstammten dem Zeitalter, in dem die Bourgeoisie eine aufsteigende Klasse und fortschrittliche gesellschaftliche Kraft war. Sie hatten die neu entstehende Gesellschaft – den Industriekapitalismus – wissenschaftlich erforscht. Gestützt auf das Studium der bürgerlichen Ökonomie hatten Smith und Ricardo das Wertgesetz der Arbeit entdeckt: dass das Verhältnis, zu dem Waren auf dem Markt ausgetauscht wurden (ihr Wert), durch die in ihnen verkörperte Arbeitszeit bestimmt wurde.

Bei der Anwendung des Wertgesetzes auf die bürgerliche Gesellschaft tat sich jedoch ein Widerspruch auf. Wenn stets gleiche Werte gegeneinander ausgetauscht wurden, wo lag dann die Quelle des Profits? Wie kam es, dass das Wertgesetz ausgerechnet beim wichtigsten Austausch in der bürgerlichen Gesellschaft, dem Tausch von Kapital und Arbeit, augenscheinlich nicht galt?

Um die Antwort auf diese Frage drehte sich Marx theoretische Arbeit in den 20 Jahren vor dem Erscheinen des Kapitals.

Die Lösung lag in der Analyse der Widersprüche, die in der Keimform der kapitalistischen Gesellschaft steckten: der Warenform, in der das Produkt der Arbeit nicht für den individuellen Gebrauch, sondern für den Tausch bestimmt ist. Und so beginnt das Kapital mit den Worten: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.“

Die Ware enthält, wie Marx nachwies, zwei gegensätzliche Bestimmungen: Gebrauchswert und Tauschwert. Die Analyse dieses Widerspruchs mündet in eine Untersuchung der Wertform, des Ursprungs von Geld und Kapital und der Quelle der ideologischen Mystifikationen, die von der kapitalistischen Wirtschaft selbst erzeugt werden – von Marx als „Warenfetischismus“ bezeichnet.

Durch die Analyse der Beziehung zwischen Ware, Geld und Kapital kam Marx dem Geheimnis des Mehrwerts auf die Spur. Seine Quelle liegt darin, dass der Arbeiter dem Kapitalisten nicht seine Arbeit als solche, sondern vielmehr seine Arbeitskraft verkauft. Dafür erhält er den entsprechenden Gegenwert – den Betrag, mit dem der Arbeiter sich und seine Familie erhalten und die nächste Arbeitergeneration großziehen kann. Doch der Gebrauchswert der Arbeitskraft im Produktionsprozess, in dem sie dem Kapitalisten gehört, liegt darin, dass sie Mehrwert schafft. Der Mehrwert beruht darauf, dass der Arbeiter in nur einem Teil des Arbeitstags den Wert seiner Arbeitskraft reproduziert, während der in den übrigen Stunden erzeugte Wert dem Kapitalisten zufällt.

Mit anderen Worten, Mehrwert und Profit entstehen nicht im Widerspruch zum Wertgesetz, sondern im Einklang damit. Die Ausbeutung und alles, was sie mit sich bringt, beruht auf den Gesetzen der kapitalistischen Wirtschaft selbst. Mit dieser Entdeckung war auch die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft wissenschaftlich erwiesen.

Engels maß der Lösung des Rätsels vom Mehrwert große Bedeutung bei. Für die heutige Gesellschaft, in der Milliarden Menschen weltweit von den Folgen der kapitalistischen Wirtschaft angewidert sind, haben seine Ausführungen nichts an Aktualität eingebüßt.

Bereits vor Marx, so Engels, hatten die Sozialisten den Kapitalismus und seine Folgen angeprangert.

„Der bisherige Sozialismus kritisierte zwar die bestehende kapitalistische Produktionsweise und ihre Folgen, konnte sie aber nicht erklären, also auch nicht mit ihr fertig werden; er konnte sie nur einfach als schlecht verwerfen.

Es handelte sich aber darum, diese kapitalistische Produktionsweise einerseits in ihrem geschichtlichen Zusammenhang und ihrer Notwendigkeit für einen bestimmten geschichtlichen Zeitabschnitt, also auch die Notwendigkeit ihres Untergangs, darzustellen, andrerseits aber auch ihren innern Charakter zu enthüllen, der noch immer verborgen war, da die bisherige Kritik sich mehr auf die üblen Folgen als auf den Gang der Sache selbst geworfen hatte. Dies geschah durch die Entdeckung des Mehrwerts.“

Mit der Entdeckung der Quelle des Mehrwerts und mit der materialistischen Geschichtsauffassung, so Engels weiter, wurde der Sozialismus zur Wissenschaft.

Anfangs versuchten die Bourgeoisie und ihre ideologischen Vertreter das Kapital totzuschweigen. Als das Werk jedoch an Einfluss gewann, bemühten sie sich, es zu widerlegen. Und als dies nicht gelang, griffen sie zu Lügen und Verdrehungen. Vergebens. Zwar konnte Marx natürlich nicht alle Einzelheiten der kapitalistischen Ökonomie durchleuchten oder alle Aspekte ihrer historischen Entwicklung vorwegnehmen, doch sein Werk ist das einzige, das ihre grundlegenden Triebkräfte aufdeckt.

Ausgehend von der Entdeckung des Mehrwerts gelang es Marx, die Unvermeidbarkeit von Krisen offenzulegen und nachzuweisen, dass zwischen dem Wachstum der Produktivkräfte und dem Gesellschaftssystem, das auf Lohnarbeit und Warenproduktion beruht, ein inhärenter Widerspruch besteht, der sich im tendenziellen Fall der Profitrate niederschlägt.

Es gibt keine andere wissenschaftliche Analyse der Triebkräfte des explosiven Widerspruchs zwischen der privaten Aneignung des Profits und dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion – ein Widerspruch, der bis heute katastrophale Wirtschafts- und Finanzkrisen hervorruft oder dazu führt, dass Ereignisse wie die jüngsten Hurrikane in den USA nicht nur in der Natur, sondern auch in der Gesellschaft Verwüstungen hinterlassen.

Kein anderes Werk kann erklären, weshalb ungeachtet der enormen Steigerung der Arbeitsproduktivität, die der gesamten Menschheit zugutekommen könnte, gesellschaftliche Ungleichheit und Elend zunehmen und, wie Marx erklärte, die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol zugleich die Akkumulation von Elend, Sklaverei und Brutalisierung auf dem Gegenpol ist.

Die Bourgeoisie und ihre Vertreter mögen auch heute noch gegen das Kapital und seine revolutionären Schlussfolgerungen geifern. Die Tatsachen sprechen für sich.

Arbeiter und Jugendliche, die den Kampf gegen das kapitalistische System und seine Folgen aufnehmen, finden im Kapital die Antwort auf die Frage, womit sie es zu tun haben, und die Grundlage für eine wissenschaftliche Orientierung und Perspektive.

Allerdings ist es keine einfache Lektüre. Wie Marx selbst erklärte, stellt die Wissenschaft hohe Anforderungen. Sie erfordert geistige Anstrengung. Doch dafür bietet sie einen reichhaltigen und dauerhaften Lohn. Wer das Kapital liest, wird nicht nur verstehen, woher die enormen Probleme der heutigen Zeit rühren und wie sie bekämpft werden können, sondern lernt auch ein Meisterwerk der Weltliteratur kennen. Kein anderer Autor, mit Ausnahme Shakespeares, hat so viel zur Entwicklung der Sprache beigetragen.

Der 150. Jahrestag seines Erscheinens sollte daher Anlass sein, das Kapital erneut zu lesen, um seine Perspektive zu verwirklichen: die Schaffung einer wahrhaft menschlichen Gesellschaft, die auf dem Gemeineigentum an den von der Arbeit geschaffenen Produktionsmitteln beruht, die Ausbeutung ins Museum verbannt und, in den Worten des Kommunistischen Manifests, an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen eine Assoziation setzt, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“.

Nick Beams

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