Zum einhundertsten Todestag Friedrich Nietzsches

Ein Rückblick auf seine Ideen und seinen Einfluss

Von Stefan Steinberg
16. Dezember 2000

"Der Fortschritt ist bloss eine moderne Idee, das heisst eine falsche Idee" (Nietzsche: Der Antichrist, 1888) [1]

"Es gibt durchaus keine stolzere und zugleich raffiniertere Art von Büchern: - sie erreichen hier und das Höchste, was auf Erden erreicht werden kann, den Cynismus;..." (Ecce Homo, 1888)

Am 25. August 2000 jährte sich zum 100. Mal der Todestag des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche. Im Rahmen des Nietzschejahres sind eine Reihe neuer Bücher über ihn erschienen. Dazu kamen Ausstellungen und Vorträge u.a. in Weimar, das eine ständige Ausstellung über Nietzsche beherbergt. In Berlin sind zwei Theaterstücke, die sich mit Nietzsche auseinandersetzen, inszeniert worden und weitere sind in Vorbereitung. In deutschen Zeitungen ist eine Fülle von Artikeln erschienen, und eine Briefmarke zu Ehren Nietzsches ist geplant.

Eines der Stücke, das vor einiger Zeit in Berlin aufgeführt wurde, zeigt Nietzsche als eine Art exzentrischen Epikuräer, der alle Deutschen verachtet und Italien und gutes Essen liebt. Eine vor kurzem aus dem Englischen übersetzte Bildbiographie präsentiert Nietzsche deutlich auf dem Umschlag hervorgehoben als den "guten Europäer". Philosophen, die kürzlich an einer Nietzsche gewidmeten BBC-Radiosendung teilnahmen, lobten seinen Beitrag zur Philosophie und erklärten, es sei hirnverbrannt, einen Zusammenhang zwischen Nietzsche und reaktionären deutschen politischen Bewegungen, einschließlich des Faschismus, herzustellen.

Seit einiger Zeit nimmt das Werk Nietzsches an französischen Universitäten einen bedeutenden Platz ein, und von vielen postmodernistischen Denkern wird er als der einflussreichste Philosoph des 19. und des 20. Jahrhunderts angesehen. In Deutschland spielte sein Denken in der einflussreichen Frankfurter Schule eine führende Rolle in der Nachkriegszeit.

Wie lässt sich Nietzsches Wirkung auf dieses so politisch verschiedenartige Denken im 20. Jahrhundert erklären? Sein hundertster Todestag ist eine gute Gelegenheit, sein Werk und sein Leben zu betrachten und sich dem Thema zu nähern, weshalb Nietzsches Werk die heutigen Schulen des philosophischen Denkens so sehr beherrscht. In diesem, dem ersten Artikel einer dreiteiligen Reihe, wollen wir kurz auf sein Denken und seinen Werdegang eingehen. Die beiden folgenden Artikel werden sich mit der Rezeption der Gedanken Nietzsches durch rechte und linke Intellektuelle befassen.

Nietzsches Werdegang

Friedrich Wilhelm Nietzsche (benannt nach dem damals regierenden preußischen König) wurde am 15. Oktober 1844 in dem kleinen sächsischen Dorf Röcken in der Nähe von Lützen im jetzigen Sachsen-Anhalt geboren. Sein Vater war der Dorfpastor und selbst Sohn eines Pastors. Seine Mutter Franziska war die Tochter des Pastors aus dem nahegelegenen Dorf Pobles. Nach einem Sturz starb Friedrichs Vater an Encephalomacie (Gehirnerweichung), als der Knabe fünf Jahre alt war. Ein Jahr später musste die Familie, die aus Friedrich, seiner Mutter, seiner Großmutter väterlicherseits, seiner Schwester und zwei unverheirateten Tanten bestand, die Pfarrei verlassen und zog nach Naumburg im heutigen Thüringen.[2]

Nietzsche erhielt als begabter Schüler im Alter von 14 Jahren einen Freiplatz in Schulpforta, einer der besten Schulen des Staates. Der Rektor der Schule war ein Liberaler. Sein Liberalismus war eine Verbindung des Ideals der Bildung (einer Erziehung mit dem Ziel, das Individuum zu stärken) mit der Art von kulturellem Nationalismus, wie ihn Johann Gottfried Herder vertrat. Nietzsche glänzte in den klassischen Fächern und interessierte sich brennend für literarische Strömungen und Musik. 1861 hörte er erstmals Wagner, aber sein Lieblingskomponist zu jener Zeit war Schumann. Im Alter von 20 Jahren nahm Nietzsche an der Universität Bonn das Studium der Theologie und Philologie auf.

1865 erklärte er, dass er den Glauben an die christliche Religion verloren habe und brach sein Studium ab. Im gleichen Jahr bekam er das Werk des pessimistischen Philosophen Schopenhauer Die Welt als Wille und Vorstellung in die Hand und erklärte umgehend seine Bekehrung zu Schopenhauers Denken. Um die gleiche Zeit griff Nietzsche zum ersten und einzigen mal direkt in die Politik ein. Obwohl er den Krieg Preußens gegen Österreich 1866 ursprünglich abgelehnt hatte, ließ er sich, nachdem Bismarck einen Sieg nach dem anderen vermelden konnte, rasch von der Welle des Patriotismus mitreißen, die Preußen und die mit ihm verbündeten Staaten erfasst hatte. Nietzsche schloss sich damals einer Gruppe liberaler Bismarckanhänger unter der Führung von Heinrich von Treitschke an, der für die Annexion Sachsens durch Preußen eintrat.

1868 lernte Nietzsche Richard Wagner kennen und stellte fest, dass der Komponist seine Begeisterung für Schopenhauer teilte. 1869, im Alter von 24 Jahren wurde Nietzsche auf den Lehrstuhl für klassische Philologie an der Universität Basel und gleichzeitig zum Lehrer für Griechisch am ihr angeschlossenen Gymnasium berufen. Sein Amt als Professor hinderte ihn an der Teilnahme am deutsch-französischen Krieg als Soldat. Trotzdem erreichte er, dass er vom 11. August 1870 an als Sanitäter der preußischen Armee Dienst tun durfte. Innerhalb eines Monats, nachdem er für kurze Zeit die entsetzlichen Bedingungen der Schützengräben kennen lernen konnte, zog er sich eine Ruhr- und eine Diphtherieinfektion zu, und war gezwungen nach Basel zurückzukehren.

Nietzsche war ständig von schwacher Gesundheit und litt Zeit seines Lebens unter extremer Kurzsichtigkeit, starken Kopfschmerzen und Erschöpfungszuständen. Es gibt eine ganze Reihe medizinisch beweiskräftiger Indizien, die darauf hinweisen, dass Nietzsches schlechter Gesundheitszustand im Erwachsenenalter wie auch sein endgültiger Zusammenbruch und seine geistige Umnachtung Folgen einer Syphilisinfektion waren, die er sich als Student bei einem Besuch in einem Bordell zugezogen hatte. 1871 war er aus medizinischen Gründen gezwungen, seine Arbeit zeitweilig aufzugeben. Er begann damals mit der Niederschrift seines ersten Werkes, das veröffentlicht werden sollte - Die Geburt der Tragödie.

Die deutsche Einigung 1871 war eine Quelle tiefer Enttäuschung für Nietzsche. Gegen Ende 1870 und zunehmend 1871 begann er, seine bittere Enttäuschung über das Vorhaben Bismarcks auszudrücken. Wie wir sehen werden, ist diese Ernüchterung über die deutsche Vereinigung sehr deutlich in seinen späteren Werken ausgedrückt. Gleichzeitig verfolgte Nietzsche die Ereignisse 1871 in Frankreich mit großer Aufmerksamkeit. Über die Entstehung der Pariser Commune war er zunächst bestürzt und dann zutiefst beunruhigt durch die Möglichkeit jeder Art von Machtübernahme durch die Arbeiterklasse. In seiner Korrespondenz teilt er seine buchstäbliche Erleichterung darüber mit, dass die Kommunarden schließlich blutig unterdrückt wurden.

Wenige Jahre später, 1875, vereinigte sich auf der berühmten Gothaer Konferenz der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein mit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zu einer neuen marxistischen Partei, der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, die innerhalb weniger Jahrzehnte unter der deutschen Arbeiterschaft Masseneinfluss gewinnen sollte. Die rasche politische Klassenpolarisierung, die sich in Deutschland in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts vollzog, fand, wie wir später sehen werden, ihren Niederschlag im Werk Nietzsches.

1874 distanzierte sich Nietzsche nach einem heftigen Streit von Wagner. Gleichzeitig drückte er seine wachsende Unzufriedenheit mit seinem philosophischen Mentor Schopenhauer aus. Während der nächsten Jahre verschlechterte sich Nietzsches Gesundheitszustand zusehends, und er reiste durch Europa, um durch verschiedene ihm verschriebene Kuren Heilung zu suchen. Wenn es seine diversen Leiden zuließen, setzte er seine schriftstellerischen Arbeiten fort.

1879 wurde er aus gesundheitlichen Gründen aus den Diensten der Universität Basel entlassen und erhielt eine Pension, die ihm ermöglichte, weiter zu schreiben. In den folgenden zehn Jahren war Nietzsche von Krankheit gequält und erlitt anschließend eine Reihe von Zusammenbrüchen. 1889 brach Nietzsche in Turin auf einem öffentlichen Platz zusammen, nachdem er einem Pferd zu Hilfe kommen wollte, das von seinem Besitzer gepeitscht wurde. Nachdem er sich von diesem Anfall erholt hatte, war er geisteskrank und verbrachte das letzte Jahrzehnt seines Lebens in völliger Umnachtung, gepflegt von seiner Mutter und seiner Schwester.

Sozialer und politischer Hintergrund

Wenn man heute Nietzsches Werk liest, ist man zunächst überrascht, dass er sich vor allem in seinen frühen Schriften immer wieder auf die hervorragendsten Vertreter der europäischen Aufklärung bezieht. Sein Werk Menschliches Allzumenschliches(1878) zum Beispiel beginnt mit einem Zitat des französischen Rationalisten Descartes. Zu verschiedenen Anlässen verkündet Nietzsche dankbar, wieviel er anderen großen Denkern der Aufklärung, wie Voltaire und Spinoza oder Vertretern des Sturm und Drang oder der deutschen Romantik - Goethe, Schiller oder Hölderlin verdankt. In der Geburt der Tragödie(1872) sinniert Nietzsche in der Art Goethes oder Schillers über die Bedeutung von Shakespeares Hamlet.

In der Tat ist es unmöglich, Nietzsches Werk zu verstehen, ohne die politischen Entwicklungen in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu berücksichtigen. Ein Jahr vor dem Tod seines Vater, Nietzsche war gerade vier Jahre alt, wurden Europa und die Mehrheit der Einzelstaaten, die wir heute als Deutschland kennen, von Revolutionen erschüttert.

Zurückgezogen in ihrem mitteldeutschen Dorf war sich die Familie Nietzsche vermutlich dessen, was sich abspielte, kaum bewusst. Dennoch hat die Umkehr der revolutionären Welle von 1848, die besonders in Deutschland auf die Schwäche der Bourgeoisie und deren Angst vor der Radikalität der aufstrebenden Arbeiterklasse zurückzuführen war, die Generation der jungen Revolutionäre und Intellektuellen nachhaltig beeinflusst. [3] Einer der Mentoren des jungen Nietzsche, Richard Wagner, hatte 1848 auf den Barrikaden gegen die Kräfte der Reaktion gekämpft, nur um sich später einem mystischen Nationalismus und wütenden Antisemitismus zu verschreiben.

Das Jahr 1848 kennzeichnet nicht nur den Zusammenbruch der Bestrebungen der Bourgeoisie, es leitete gleichzeitig einen gründlichen Zusammenbruch der Autorität der Kirchen und der organisierten Religionsausübung ein, die weitgehend als Stützen des alten Regimes betrachtet wurden. Eine Welle der Unzufriedenheit machte sich breit, die viele - vor allem Protestanten - dazu brachte, sich vollständig von der Religion abzuwenden. "Die Säkularisation drohte, sie heimatlos zu machen und zu entwurzeln, verführte sie jedoch mit der Alternative einer post-religiösen Identität als Erste des ‚Neuen Menschen‘." (zitiert nach P. Bergmann, Nietzsche. Der letzte antipolitische Deutsche)

Der französischen Autor Charles de Rusat kommentierte 1860, ein gutes Jahrzehnt später, das allgemeine soziale Klima mit den Worten: "Der Pessimismus hat in jüngster Zeit große Fortschritte gemacht," und fügte hinzu, dass viele Franzosen, die 30 oder 40 Jahre früher voller Hoffnung und Begeisterung für die Prinzipien der Revolution gewesen waren, jetzt zu dem Schluss gelangt waren, dass die moderne Demokratie nichts weiter gebracht habe als "turbulenten Verfall". Die Philosophie des Pessimismus fand ihren wichtigsten Vertreter in Deutschland in der Person Arthur Schopenhauers.

Im Verlauf der sozialen Radikalisierung nach 1848 fühlten sich die besten Elemente der deutschen Intelligenz von der Philosophie Hegels und ihrer materialistischen Weiterentwicklung durch Marx und Engels angezogen. Nietzsche jedoch repräsentierte den Flügel der deutschen Intelligenz, der an der deutschen Klassik und Romantik geschult war und sich im Gefolge des Stillstands und politischen Stagnation nach 1848 desillusioniert zurückgezogen hatte. Zerrissen durch die Widersprüche, die sich mit der Gründung eines vereinigten Deutschlands aufgetan hatten, wandte sich Nietzsche zunehmend der Rechten zu und wurde von den giftigen Nebeln des Kulturelitarismus, den mystischen Elementen der deutschen Lebensphilosophie und der neu aufkommenden pseudowissenschaftlichen Eugenik erfasst.[4]

Nietzsche gilt als ein schwer zu verstehender Philosoph. Der deutsche Philosoph Karl Jaspers erklärte, Nietzsche vermittle den Eindruck, als habe er "zwei Meinungen zu allen Dingen". Ein Gutteil der Schwierigkeiten, die sich bei der Nietzschelektüre ergeben, rühren unvermeidlich von seiner eigenen Ideologie her, die metaphorische Verkündigungen und Allegorien höher stellt als systematische wissenschaftliche Gedanken und den "Stil" an die Stelle des Inhalts setzt.[5]

Außerdem lässt sich in seinem Werk eine bestimmte Entwicklung feststellen. In der frühen und der mittleren Periode seines Lebens bis in die späten siebziger Jahre lassen sich in seinen Schriften streckenweise psychologische Einsichten ausmachen, wenn er versucht, die grundlegenden sozialen Veränderungen in den Griff zu bekommen, die um ihn herum stattfinden. Seine scharfen Angriffe auf die Heuchelei der Kirche und seine Schriften über den kulturellen Aufbruch seiner Zeit beeinflussten später so bedeutende deutsche Schriftsteller wie Thomas Mann oder Hermann Hesse.

Anfang der achtziger Jahre jedoch, als Nietzsche alle Hoffnung in das Deutschland Bismarcks verloren hat, dominieren in seinem Werk die Gehässigkeiten und die Verachtung der großen Masse der Menschheit. Er beendet sein Leben als Apostel des Zynismus. Trotz dieser Wechsel gibt es doch in Nietzsches Entwicklung einen inneren Zusammenhang. In seinem ersten Werk Die Geburt der Tragödie lassen sich die Fäden seiner Auffassungen in einer ganzen Reihe von Fragen bereits aufspüren.

Nietzsches Ansichten über Kultur, Wissenschaft und Geschichte

Das Gegeneinanderstellen von Kunst und Kultur (insbesondere der Musik, der Tragödie und der Lyrik) auf der einen und der Wissenschaft auf den anderen Seite ist ein wiederkehrendes Motiv in Nietzsches Werken. Sein Maß für die Gesellschaft ist der Grad, bis zu dem sie ihre Kunst und Kultur entwickelt hat. Gleichzeit weist er aber jeden definitiven Zusammenhang zwischen der Kunst und dem Leben, was ihren Gehalt angeht, zurück und definiert Kultur in Begriffen des Stils: "Kultur ist, vor allem, die Einheit des künstlerischen Stils in allen Lebensäußerungen eines Volkes." ( Die Geburt der Tragödie)

Als er 1888 über die Bedeutung der Geburt der Tragödie reflektierte, schrieb Nietzsche: "Über das Verhältnis der Kunst zur Wahrheit bin ich am frühesten ernst geworden: und noch jetzt stehe ich mit einem heiligen Entsetzen vor diesem Zweispalt. Mein erstes Buch war ihm geweiht. Die Geburt der Tragödie glaubt an die Kunst auf dem Hintergrund eines anderen Glaubens, dass es nicht möglich ist, mit der Wahrheit zu leben; dass der ‚Wille zur Wahrheit‘ bereits ein Symptom der Entartung ist." ( Nachgelassene Fragmente, Frühjahr, Sommer 1888; Hervorhebung von Nietzsche)

Kunst schließt für Nietzsche nicht nur die Möglichkeit der Wahrheit aus, sie muss sie sogar ausschließen: "Die Kunst als die Pflege des Wahnes - unser Cultus." ( Nachgelassene Fragmente Frühjahr 1881 bis Sommer 1882)

Gleichzeitig erklärt er, dass die wissenschaftliche Suche nach der Wahrheit illusionär sei. In der Geburt der Tragödie befürwortet er die Elemente des Instinkts und der Mythenbildung, die der klassischen griechischen Figur des Dionysos zugeschrieben werden. Nietzsche legt sich mit dem griechischen Philosophen Sokrates an, den er als den klassischen Vertreter des rationalen Denkens und des "Willens zur Wahrheit" ansieht: "Nun steht freilich neben dieser vereinzelten Erkenntniss, als einem Excess der Ehrlichkeit, wenn nicht des Uebermuthes, eine tiefsinnige Wahnvorstellung, welche zuerst in der Person des Sokrates zur Welt kam, jener unerschütterliche Glaube, dass das Denken, an dem Leitfaden der Causalität, bis in die tiefsten Abgründe des Seins reiche, und dass das Denken das Sein nicht nur zu erkennen, sondern sogar zu corrigiren im Stande sei." ( Die Geburt der Tragödie, III-1)

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Periode enormer Entwicklungen auf dem Gebiet der Wissenschaft und der industriellen Technik. Revolutionäre Erfindungen verwandelten die Formen der Produktion. Theorien wie Darwins Lehre von der Evolution und neue Entdeckungen auf dem Gebiet der Physik, der Chemie und der Medizin unterhöhlten seit langem etablierte Lehrmeinungen und Vorurteile. Über die allgemeinen zeitgenössischen sozialen Stimmungen, die das Vertrauen in die Fähigkeit der Wissenschaft das Leben zu verbessern ausdrücken, schreibt Nietzsche in seinem Essay Unzeitgemäße Betrachtungen(1874): "Ja man triumphirt darüber, dass jetzt ‚die Wissenschaft anfange über das Leben zu herrschen‘: möglich, dass man das erreicht; aber gewiss ist ein derartig beherrschtes Leben nicht viel werth, weil es viel weniger Leben ist und viel weniger Leben für die Zukunft verbürgt, als das ehemals nicht durch das Wissen, sondern durch Instincte und kräftige Wahnbilder beherrschte Leben." ( Unzeitgemäße Betrachtungen, Zweites Stück)

Der Fehler der Wissenschaft sei, laut Nietzsche, dass sie keinen Raum lasse für die wesentlichen menschlichen Bestrebungen und Bedürfnisse nach Mythen und Illusionen. Instinkt sei mächtiger als wissenschaftliche Methode. In seinem Aufsatz Vom Nutzen und den Nachteil der Historie für das Leben(in den Unzeitgemäßen Betrachtungen) greift Nietzsche auch das Thema auf, das in der großen Tradition der Geschichtsforschung vor allem mit dem Namen Hegel verknüpft ist. Darin zieht er über Hegels Bestrebungen her, eine durchgehende systematische Herangehensweise an die Geschichte zu begründen. Nietzsche drückt seine Ablehnung dieser "Bewunderung vor der ‚Macht der Geschichte‘ aus, die praktisch alle Augenblicke in nackte Bewunderung des Erfolges umschlägt und zum Götzendienste des Thatsächlichen führt." ( Unzeitgemäße Betrachtungen. Drittes Stück) Wie wir im dritten Artikel dieser Serie ausführen werden, haben sich französische Philosophen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Poststrukturalisten und Postmodernisten) insbesondere die Antipathie Nietzsches gegenüber Hegel und der Geschichte zu eigen gemacht.

Kulturelitarismus

Nietzsches Auffassung von Kultur und Bildung ist zutiefst elitär - er ist überzeugt, dass Wissen und Studium das Privileg Weniger bleiben müssen. Er wendet sich prinzipiell nachdrücklich gegen jede Form allgemeiner Bildung, von der er als einer Form von "Barbarentum" spricht.

Erregt durch die Gefahren, die seiner Ansicht nach von der Pariser Commune ausgingen, und beunruhigt durch das Anwachsen der Sozialdemokratie in Deutschland warnte er 1871 davor, dass die allgemeine Bildung zum Kommunismus führen könnte: "Die allgemeine Bildung ist nur ein Vorstadium des Communismus: Die Bildung wird auf diesem Wege so abgeschwächt, daß sie gar kein Privilegium mehr verleihen kann. Am wenigsten ist sie ein Mittel gegen den Communismus. Die allgemeinste Bildung d.h. die Barbarei ist eben die Voraussetzung des Communismus." ( Nachgelassene Fragmente Herbst 1869 bis Herbst 1872, Unzeitgemäße Betrachtungen) In seinem späteren Werk Also sprach Zarathustra(1884) schreibt er: "Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken." ( Also sprach Zarathustra: Die Reden des Zarathustra. Vom Lesen und Schreiben)

Für Nietzsche bedeuten Kommunismus und die Ausbreitung der Kultur unter den Massen das Ende der Kultur. Die von ihm bevorzugte Ordnung zur Erhaltung der Kunst war eine Art Sklavenhaltergesellschaft: "Diesem ihren Wesen ist es gemäß, daß die Triumphzüge der Kultur nur einer unglaublich geringen Minderheit von bevorzugten Sterblichen zu Gute kommen, daß dagegen der Sklavendienst der großen Masse eine Nothwendigkeit ist, wenn es wirklich zu einer rechten Werdelust der Kunst kommen soll." ( Nachgelassene Fragmente 1869 -72, Der griechische Staat)

Nietzsches Ansichten über Politik und Gesellschaft

Wie wir gesehen haben, besteht Nietzsches Rezept für eine gesunde Kultur in der Herausbildung einer Elite, die sich über einer durch Stände geschiedenen Gesellschaft erhebt. Nach 1871 hegte Nietzsche eine Zeitlang gewisse Hoffnungen in Bismarcks vereinigtes Deutschland. Während dieser Zeit, als sich in Europa ein neues Deutschland konsolidierte, lässt sich ein gemäßigter Ton in seinem Werk feststellen. Er wandte sich gegen bösartige Formen des Nationalismus und propagierte das Ideal des "guten Europäers", der sich aktiv für die "Verschmelzung der Nationen" einsetzt. Vor allem aber sah Nietzsche in Bismarck ein Bollwerk gegen den Sozialismus.

In einem entlarvenden Abschnitt in Der Wanderer und sein Schatten(1880) macht sich Nietzsche für ein reformistisches Konzept, für eine Art progressive Steuerpolitik als Mittel gegen das Schreckgespenst des Sozialismus stark: "Das Volk ist vom Socialismus, als einer Lehre von der Veränderung des Eigenthumerwerbes, am entferntesten: und wenn es erst einmal die Steuerschraube in den Händen hat, durch die grossen Majoritäten seiner Parlamente, dann wird es mit der Progressivsteuer dem Capitalisten-, Kaufmanns- und Börsenfürstenthum an den Leib gehen und in der That langsam einen Mittelstand schaffen, der den Socialismus wie eine überstandene Krankheit vergessen darf." (Menschliches Allzumenschliches II)

Bismarck wurde traditionell wegen seiner pragmatischen Kombination von Zuckerbrot und Peitsche als Politiker gepriesen. Nietzsche war gleichermaßen erschrocken über Bismarcks Zuckerbrot - seine Zugeständnisse an die Massen, die demokratische Stimmungen unterstützten - wie über die ungezügelte Gier der neu entstehenden deutschen Kapitalistenklasse. Er bedauerte die Unterordnung der Kultur unter den neuen Moloch des Kapitals: "die gebildeten Stände und Staaten werden von einer grossartig verächtlichen Geldwirthschaft fortgerissen. ... Jetzt wird fast alles auf Erden nur noch durch die gröbsten und bösesten Kräfte bestimmt, durch den Egoismus der Erwerbenden und die militärischen Gewaltherrscher." (Unzeitgemäße Betrachtungen, Drittes Stück)

In den Notizen für sein letztes Werk formuliert Nietzsche seine Alternative zur Gefahr des Sozialismus auf der einen und einer Gesellschaft, die nur auf die Anhäufung von Reichtum aus ist, auf der anderen Seite. Er ruft nach einer strengen Rangordnung, um die Herrschaft einer regierenden aristokratischen Elite sicher zu stellen - seiner bevorzugten Sozialordnung: der Sklaverei.

"Ich bin dazu gedrängt, im Zeitalter des suffrage universel, d.h. wo Jeder über Jeden und Jedes zu Gericht sitzen darf, die Rangordnung wieder herzustellen." ( Nachgelassene Fragmente Frühjahr bis Herbst 1884, Aphorismen) "Und wenn es wahr sein sollte, daß die Griechen an ihrem Sklaventhum zu Grunde gegangen sind, so ist das Andere viel gewisser, daß wir an dem Mangel des Sklaventhums zu Grunde gehen werden... Wie erhebend wirkt auf uns die Betrachtung des mittelalterlichen Hörigen, mit dem innerlich kräftigen und zarten Rechts- und Sittenverhältnisse zu dem höher geordneten, mit der tiefsinnigen Umfriedung seines engen Daseins - wie erhebend - und wie vorwurfsvoll!" (Notizen zu Der Wille zur Macht, 1888) Und in dem gleichen Ton: "Die Sklaverei soll nicht vertilgt werden, sie ist nothwendig. Wir wollen nur zusehen, daß immer wieder solche entstehen, für welche gearbeitet wird, damit diese ungeheure Masse von politisch-commerciellen Kräften nicht umsonst sich verbraucht."(Nachgelassene Fragmente Frühjahr. 1881 bis Sommer 1982) [6]

Die Aufsätze, die Nietzsche in den letzten Jahren seiner geistigen Gesundheit verfasste, sind voller Verachtung für die breiten Massen der Menschheit. Schmähungen gegen die Gleichheit, das "Untermenschentum" à la Malthus, Lobeshymnen auf den Militarismus und die Verdienste des Krieges wechseln sich ab mit dem Ruf nach dem "neuen Menschen" - dem "Übermenschen". Nietzsche zufolge entsprechen Sklaverei und Ausbeutung dem natürlichen Lauf der Dinge: "Der Hass, die Schadenfreude, die Raub- und Herrschsucht und was Alles sonst böse genannt wird: es gehört zu der erstaunlichen Oekonomie der Arterhaltung, freilich zu einer kostspieligen, verschwenderischen und im Ganzen höchst thörichten Oekonomie: - welche aber bewiesener Maassen unser Geschlecht bisher erhalten hat." (Die fröhliche Wissenschaft, Erstes Buch, 1.)

Für die breite Masse der Bevölkerung hat Nietzsche nur Verachtung übrig und spricht von ihr meist nur als "Gesindel". Ein Kapitel von Also sprach Zarathustra ist dem "Gesindel" gewidmet. Darin schreibt er: "Das Leben ist ein Born der Lust, aber wo das Gesindel mittrinkt, sind alle Brunnen vergiftet".( Also sprach Zarathustra: Vom Gesindel)

Dieser kurze Abriss des Werks von Nietzsche sollte ausreichen, um einige Hauptelemente seines Denkens zu erkennen und die besonderen Interessen zu beleuchten, die sie reflektieren. Zwei Seelen scheinen in seiner Brust zu wohnen: einerseits die des kleinbürgerlichen Künstlers (Nietzsches eigene musikalische Kompositionsversuche bleiben erfolglos), der durch die rasch fortschreitende Entwicklung der Gesellschaft, der Wissenschaft und der Ausbreitung des Wissens gründlich frustriert ist; des Künstlers, der "halt" ruft, nur um eine durch und durch elitäre kulturelle Alternative vorzuschlagen, die auf Illusionen, Mythen und Instinkt beruht. Andererseits drückt Nietzsche in seinen Angriffen gegen die "verächtliche Geldwirthschaft" und seine Befürwortung einer Gesellschaft, die streng nach Ständen aufgebaut ist, die Interessen der deutschen Junker - der aristokratischen und feudalen Schichten aus, die ihren traditionellen Status durch die neue Gesellschaftsordnung bedroht sahen.

Darüber hinaus trägt Nietzsche zweifellos einige wichtige charakteristische Merkmale der liberalen deutschen Intelligenz, die sich 1848 so unehrenhaft verhalten hatte. Trotz der Radikalität seiner Sprache, seiner Erklärung "Gott ist tot", seiner Bestrebungen, "Philosophie mit dem Hammer" zu treiben, und seiner Salven gegen das "verächtliche Geld" war Nietzsche ein erklärter Gegner der Revolution: "Leider weiss man aus historischen Erfahrungen, dass jeder solche Umsturz die wildesten Energien als die längst begrabenen Furchtbarkeiten und Maasslosigkeiten fernster Zeitalter von Neuem zur Auferstehung bringt: dass also ein Umsturz wohl eine Kraftquelle in einer mattgewordenen Menschheit sein kann, nimmermehr aber ein Ordner, Baumeister, Künstler, Vollender der menschlichen Natur. - Nicht Voltaire's maassvolle, dem Ordnen, Reinigen und Umbauen zugeneigte Natur, sondern Rousseau's leidenschaftliche Thorheiten und Halblügen haben den optimistischen Geist der Revolution wachgerufen, gegen den ich rufe: ‘Ecrasez l'infame!' " (Menschliches Allzumenschliches I)

Nietzsche Ablehnung der Revolution und seine Furcht vor der Arbeiterklasse bedeutete, dass sein Radikalismus niemals eine Bedrohung für die neu entstehende, habsüchtige deutsche Bourgeoisie darstellte, die aber durchaus in der Lage war, sich seiner Verteidigung des Krieges und jeglicher Form des Militarismus zu bedienen, um ihre eigenen Pläne zur imperialen Expansion gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu rechtfertigen. Neue Schichten der Mittelklasse strebten nach Spekulationsgewinnen und das Wachstum der Geldmärkte konnte Nietzsches "Lebensphilosophie" für sich in Anspruch nehmen: "Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung, - aber wozu sollte man immer gerade solche Worte gebrauchen, denen von Alters her eine verleumderische Absicht eingeprägt ist?" (Jenseits von Gut und Böse. 259, 1886). [7]

Nietzsches entschiedene ideologische Kampagne, die Uhr der Geschichte zurückzustellen, sollte im nächsten Jahrhundert einen immensen Nachhall finden. In den beiden folgenden Artikeln wollen wir untersuchen, wie die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte und Strömungen des 20. Jahrhunderts in der Lage waren, bestimmte Aspektes von Nietzsches Denkens für ihre eigenen Bedürfnisse einzuspannen.

"Wen hasse ich unter dem Gesindel von Heute am meisten? Das Socialisten-Gesindel, die Tschandla-Apostel, die den Instinkt, die Lust, das Genügsamkeits-Gefühl des Arbeiters mit seinem kleinen Sein untergraben, - die ihn Rache lehren ... Das Unrecht liegt niemals bei in ungleichen Rechten, es liegt im Anspruch auf ‚g l e i c h e Rechte'." (Nietzsche, Der Antichrist, 1888)

"...einige unserer Freunde und Mitarbeiter haben von Zeit zu Zeit die Gelegenheit, zu beobachten, dass der Irrtum Nietzsches jungen Franzosen dabei geholfen hat, sich selbst vom revolutionären Irrtum zu reinigen." (Charles Maurras in L´action française, 1909)

Nietzsche und die politische Rechte

Charles Maurras war der Herausgeber der rechtsextremen Zeitung L´Action française zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Allgemeinen hatte seine Bewegung wenig übrig für Deutsche, die nach seiner rassistischen Ideologie einer minderwertigen "slawischen" Rasse angehörten und daher "Barbaren" waren. Für Maurras und seine Anhänger war Nietzsche jedoch ein "großer Barbar", dessen Werk trotz seiner Irrtümer ein nützliches Gegengift gegen die "Revolution" (den Sozialismus) war.

Zu seinen Lebzeiten wurde Nietzsche vom intellektuellen Establishment in Deutschland weitgehend ignoriert oder abgelehnt. In Ecce Homo berichtet Nietzsche (stolz), dass von einem der von ihm veröffentlichten Bücher innerhalb von zwei Jahren nur eine Handvoll Exemplare verkauft worden seien. Nach seinem Tod und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, als die politischen Spannungen in Deutschland zunahmen, änderte sich die Situation für Nietzsches Werk. Ein Schriftsteller berichtet, dass viele Soldaten mit einer Bibel in der einen und einer Ausgabe von Nietzsches Also sprach Zarathustra in der anderen Tasche in den Ersten Weltkrieg zogen.

Zu Nietzsches ergebensten Anhängern jener Zeit gehörte der Publizist Oswald Spengler, Autor einer erbitterten Tirade gegen Sozialismus und liberale Demokratie Der Untergang des Abendlandes. Der junge Ernst Jünger bewunderte Nietzsches Eintreten für den Geist des Militarismus. Zum Chor dieser Anbeter gehörte ebenfalls ein gewisser österreichischer Möchte-gern-Maler - der junge Adolf Hitler. Auch für die Entwicklung eines der bekanntesten deutschen Philosophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, für Martin Heidegger, spielte Nietzsche eine entscheidende Rolle.

Viele der Kommentare, die anlässlich des hundersten Todestages von Nietzsche in der deutschen Presse erschienen, behaupten einhellig, es sei lächerlich, irgendeinen Zusammenhang zwischen dem Werk Nietzsches und den ultrarechten Bewegungen des 20. Jahrhunderts, insbesondere dem Nationalsozialismus anzunehmen (vergl. Z.B. Manfred Riedel in seinem Essay über Nietzsche in einer der letzten Ausgaben des Spiegel). Jede Verbindung zwischen Nietzsche und dem Faschismus, so argumentieren diese Kommentatoren, sei einzig und allein das Ergebnis der Verfälschung seines Werks durch seine Schwester Elisabeth. Es lohnt sich, dieses Argument etwas näher zu untersuchen.

Es stimmt natürlich, dass nach dem Ausbrechen der Geisteskrankheit bei Nietzsche seine Schwester Elisabeth Förster Nietzsche die Verantwortung für ihn übernahm. Nachdem sie die vollständige Kontrolle über das literarische Erbe ihres Bruders erlangt hatte, nutzte sie diese Vertrauensstellung aus, um bestimmte Aspekte seines Werks zu fälschen und zu entstellen. Insbesondere verhinderte sie die Veröffentlichung des zuletzt von ihm geschriebenen Textes Ecce Homo, der mit seinem zur Schau gestellten Größenwahn allzu offensichtlich auf Nietzsches bevorstehenden geistigen Zusammenbruch hinwies. Allen Berichten zufolge war Elisabeth Förster Nietzsche eine durch und durch egoistische und herrschsüchtige Frau und zugleich eine gehässige Antisemitin. Sie manipulierte Materialien und fälschte Briefe, um auch ihren Bruder als fanatischen Antisemiten zu präsentieren.

Es gibt ein berühmtes Foto von 1934 (es ist in der gegenwärtigen Ausstellung in Weimar zu sehen), das Elisabeth Förster Nietzsche zeigt, wie sie Adolf Hitler, den sie zutiefst bewunderte, in dem Haus begrüßt, in dem Nietzsche in Weimar starb. Während seines Besuchs beschenkte sie ihn mit dem Spazierstock ihres Bruders, Hitler hatte bereits 1932 das Nietzsche-Archiv in Weimar besucht. Ein anderes gut bekanntes Foto zeigt Hitler, die Büste des Mannes anstarrend, den er als seinen philosophischen Mentor betrachtete.

Nietzsches eigene Ansichten über das Judentum sind sehr komplex und oft widersprüchlich. Nietzsches Bruch mit Richard Wagner ging zumindest teilweise auf dessen extremen Antisemitismus zurück. 1887 schrieb Nietzsche einen Brief an seine Schwester, in dem er ihre Heirat mit einem anderen bösartigen Antisemiten, Bernhard Förster, bedauerte. In einer seiner letzten kurzen Mitteilungen an seinen Freund Overbeck erklärte er sogar, er würde gern "alle Antisemiten erschießen". Auf der anderen Seite finden sich in seinem gesamten Werk durchaus herabsetzende Hinweise auf das Judentum - insbesondere auf die Rolle, die die Juden in Bezug auf die Degeneration der christlichen Religion spielten.

Für die Schwierigkeiten, Nietzsches wirkliche Position, herauszufinden, ist sein Werk Jenseits von Gut und Böse(1886) sehr symptomatisch. Zunächst argumentiert Nietzsche in einem Absatz, es sei genauso idiotisch, antisemitisch zu sein wie antifranzösisch, antipolnisch usw.. Danach fordert er ein Verbot für Juden, nach Deutschland einzuwandern, weil das Land schon zu viele Juden habe. Später beschreibt Nietzsche die Juden als die stärkste, widerstandsfähigste und reinste von allen Rassen Europas und ruft dazu auf, die beiden reinsten Rassen Europas (die jüdische und die germanische) mit einander zu kreuzen, um eine mächtige Herrschaftskaste für diesen Kontinent zu züchten.

Die Wahrheit ist, dass Nietzsches gesamtes Werk trotz gelegentlicher lobender Erwähnungen der Juden von reaktionären rassistischen Standpunkten durchzogen ist, wie sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa weit verbreitet waren. Ihren reaktionärsten Ausdruck fanden derartige Lehren im Werk des französischen Adligen Arthur Gobineau (1816 - 1882).

Zu den brauchbaren gegenwärtigen Untersuchungen über die Entwicklung der rassistischen Ideen im 19. Jahrhundert gehört das Buch The Meaning of Race (Die Bedeutung der Rassen)von Kenan Malik [8]. Malik macht darin eine wichtige Bemerkung. Er vertritt die Auffassung, dass die rasche und gründliche Wegwendung von den progressiven Gedanken der Aufklärung zur Rassenfrage in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht nur ein Resultat des Kolonialismus der großen imperialistischen Nationen war. Vielmehr war sie auch ein Produkt der wachsenden sozialen Ungleichheit und der Klassengegensätze innerhalb der europäischen Nationen selbst.

Malik schreibt: "Das Gefühl rassischer Überlegenheit über die nichteuropäische Gesellschaft, das die europäischen Eliteklassen beherrschte, ist außerhalb des Gefühls der Unterlegenheit, das den Massen zu Hause aufgezwungen wurde, nicht zu verstehen... Ja, ich würde sogar weiter gehen und behaupten, dass der Rassegedanke aus der Wahrnehmung der Unterschiede innerhalb der europäischen Gesellschaft entstand und erst später systematisch auf die Unterschiede in der Hautfarbe angewendet wurde." (S. 82)

Dieser Punkt ist wichtig in Bezug auf Nietzsche, weil er, wie bereits im ersten Teil erwähnt, immer sehr empfindlich die Gefahren reagierte, die sich aus sozialen Zugeständnissen an die Arbeiter in einer demokratischen Gesellschaft ergaben. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass Nietzsche nach der ersten Lektüre von Gobineaus Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen(1853-55) höchst begeistert auf dessen Ideen reagierte.

Malik zitiert Gobineau: "Es ist bereits festgestellt worden, dass sich jede Gesellschaftsordnung auf drei ursprüngliche Klassen gründet, von denen jede eine rassische Variante darstellt: den Adel, eine mehr oder weniger genaue Widerspiegelung der Klasse der Eroberer; die Bourgeoisie, die sich aus einer Mischung zusammensetzt und der herrschenden Klasse relativ nahe kommt; und das gemeine Volk, das in Sklaverei oder zumindest sehr niedrigen Verhältnissen lebt. Dieses letztere gehört zu einer niedrigeren Rasse, die im Süden durch Rassenmischung mit den Negern und im Norden mit den Finnen entstand."

Tatsächlich lässt sich in Nietzsches Werk eine Form von biologischem Rassismus von Anfang an nachweisen. Wir haben bereits auf Nietzsches Bemerkungen über den griechischen Philosophen Sokrates in der Geburt der Tragödie aufmerksam gemacht. In einem weiteren Essay Das Problem des Sokrates stellt Nietzsche in Bezug auf die überlieferte Hässlichkeit des Philosophen die Frage, ob diese nicht ein Produkt der "Rassenmischung" gewesen sei: "Sokrates gehörte, seiner Herkunft nach, zum niedersten Volk: Sokrates war Pöbel. Man weiss, man sieht es selbst noch, wie hässlich er war... War Sokrates überhaupt ein Grieche? Die Hässlichkeit ist häufig genug der Ausdruck einer gekreuzten, durch Kreuzung gehemmten Entwicklung. Im andren Falle erscheint sie als niedergehende Entwicklung." ( Aphorismus Götzen-Dämmerung)

Nietzsches Zur Genealogie der Moral(1887) ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von Gobineau beeinflusst. Ausgehend von der Behauptung, dass die genealogische Methode die richtige sei, stellt Nietzsche fest: "Im lateinischen malus... könnte der gemeine Mann als der Dunkelfarbige, vor allem als der schwarzhaarige ... gekennzeichnet sein, als der vorarische Insasse des italienischen Bodens, der sich von der herrschend gewordenen blonden, nämlich arischen Eroberer-Rasse durch die Farbe am deutlichsten abhob." ( Zur Genealogie der Moral, I)

In der Art Gobineaus fährt Nietzsche dann fort damit, den Kampf gegen den Sozialismus und die Commune (die primitivste Form der Gesellschaft) in einer plumpen, auf Rassen beruhenden Beschreibung der Gesellschaft darzustellen: "wer steht dafür, ob nicht die moderne Demokratie, der noch modernere Anarchismus und namentlich jener Hang zur ‚Commune' zur primitiven Gesellschafts-Form der allen Socialisten Europa's jetzt gemeinsam ist, in der Hauptsache einen ungeheuren Nachschlag zu bedeuten hat - und das die Eroberer- und Herren-Rasse die der Arier, auch physiologisch im Unterliegen ist?" (ebd., Hervorhebung von Nietzsche)

Nietzsche fährt dann fort: "Diese Träger der niederdrückenden und vergeltungslüsternen Instinkte, die Nachkommen alles europäischen und nicht europäischen Sklaventhums, aller vorarischen Bevölkerung in Sonderheit - sie stellen den Rückgang der Menschheit dar!" Und schließlich endet Nietzsche mit einem Lobeshymnus auf die "blonde germanische Bestie", von der er sagt: "Auf den Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen... Das tiefe eisige Misstrauen, das der Deutsche erregt, sobald er zur Macht kommt, auch jetzt wieder - ist noch immer ein Nachschlag jenes unauslöschlichen Entsetzens, mit dem Jahrhunderte lang Europa dem Wüthen der blonden germanischen Bestie zugesehn hat." (ebd.)

Um es vollkommen klar zu machen, was Nietzsche in diesen Absätzen sagt: Seiner These entsprechend sind die Sozialisten, Demokraten und die breiten Massen der Gesellschaft Produkte der primitivsten Formen vor-arischer Gesellschaften. Ihre bloße Existenz bedroht die Reinheit der arischen Herrenrasse, die "blonde Bestie". Im Zarathustra hat Nietzsche bereits erklärt, dass das Überleben des Übermenschen das höchste Gut darstelle und das "größte Übel" rechtfertige.

Nietzsches Verteidiger versuchen, zwischen ihm und der Politik und den Taten der Nazis eine Trennungslinie zu ziehen. Aber ist Nietzsches Haltung wirklich so weit entfernt von Hitlers dringender Auforderung in einem internen NSDAP-Aufruf von 1922, "mit rücksichtlosester Kraft und brutalster Entschlossenheit die Vernichtung und Ausrottung des Marxismus" zu betrieben?

Adolf Hitler war gewiss kein Philosoph, genauso wenig wie Nietzsche ein bloßer politischer Ideologe war. Aber wer kann vernünftigerweise bezweifeln, das ersterer wenig Probleme damit hatte, das rückwärtsgewandte Programm des letzteren - biologischer Rassismus, Hass auf den Sozialismus und auf das Ideal der sozialen Gleichheit, verbunden mit der Befürwortung von Militarismus und Krieg - nahtlos in die eklektisch zusammengeklaubten Ideen zu integrieren, aus denen sich das Programm des Nationalsozialismus zusammensetzte.

"Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Nietzsche höchstwahrscheinlich ein bedeutenderer Denker ist, als Marx" (Max Horkheimer, 1969)

Nietzsche und die politische Linke

In den beiden ersten Artikeln dieser Serie bin ich kurz auf einige der wichtigsten Gedankengänge Nietzsches eingegangen:

* die rigorose Ablehnung des Strebens nach Wahrheit (in der Wissenschaft und der Kunst) zugunsten einer Befürwortung von Mythen und Illusionen;

* die Opposition gegen jede Art einer demokratischen Gesellschaft (insbesondere einer sozialistischen oder Arbeiterdemokratie) zugunsten einer Elitegesellschaft, die auf einer strengen Abgrenzung der einzelnen Stände beruht;

* eine Auffassung von der historischen Entwicklung, die sich weitgehend auf eine Form von biologischem Rassismus gründet.

Trotz seiner gelegentlichen Berufung auf einige herausragende Denker der Aufklärung bildet die Summe dieser Auffassungen, wie Nietzsche sie entwickelt hat, den umfassendsten ideologischen Angriff des neunzehnten Jahrhunderts auf die fortschrittlichen Ideale (Gleichheit, Brüderlichkeit, Solidarität), wie sie die neue herrschende Klasse, die Bourgeoisie, im Laufe ihres revolutionären Kampfs gegen die feudale Rückständigkeit ursprünglich postuliert hatte.

Zu Nietzsches Lebzeiten entstand in Form der sozialistischen Bewegung eine materielle Grundlage, um diese Ideale durch die Abschaffung des Privateigentums im Rahmen einer internationalen Perspektive verwirklichen. Man kann die Entwicklung von Nietzsches eigener Arbeit im Zusammenhang mit der Entstehung dieser organisierten sozialistischen Arbeiterbewegung verstehen. Obwohl es nicht die geringsten Anzeichen dafür gibt, dass Nietzsche jemals Anstrengungen unternahm, sozialistische Literatur oder die Werke von Marx und Engels zu studieren, kann eine ernsthafte Untersuchung nur zu dem Ergebnis führen, dass Nietzsche sich und sein Werk als Antipoden zur wissenschaftlichen Methode, den Zielen der sozialistischen Bewegung und den progressiven Tendenzen verstand, die in den Gedanken der Aufklärung ausgedrückt sind.

Es scheint daher überraschend, dass Nietzsches Ideen auch von einer Reihe von Persönlichkeiten aufgegriffen wurden, die sich zur sozialistischen Bewegung und der politischen Linken zählen. Einige von ihnen haben sogar den Versuch unternommen, das Werk Nietzsches mit dem von Marx in Einklang zu bringen.

Führende Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule würden die rassistischen Äußerungen, die in Nietzsches Werken auftauchen, zweifellos ablehnen. Dasselbe gilt für viele Anhänger der jüngsten poststrukturalistischen und postmodernistischen Strömungen. Die große Mehrheit der Vertreter dieser Bewegungen würde sich ebenso zweifellos von Nietzsches Verherrlichung des Krieges und des kriegslüsternen Militarismus scharf distanzieren. Dennoch ist, wie wir zeigen werden, unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen ein Mechanismus am Werk, der bei etlichen Intellektuellen, die sozialistischen und demokratischen Idealen anhängen, zu einer außerordentlichen und selektiven Kurzsichtigkeit in Bezug auf wesentliche Aussagen in Nietzsches Werk führt. Gewisse Aspekte der Gedanken von Nietzsche werden zu bestimmten Zwecken herausgegriffen, während der allgemeine Charakter seines Werks ignoriert oder heruntergespielt wird.

Frühe Anhänger Nietzsches in der Sozialdemokratie

Eine der ausführlichsten Untersuchungen dieses Phänomens und eine Arbeit, die sich mit dem Widerhall von Nietzsches Gedanken in Deutschland befasst, ist Steven E. Aschheims: Nietzsche und die Deutschen. Karriere eines Kults(Stuttgart 1996). In einem besonders interessanten Kapitel mit dem Titel Die nietzscheanische Sozialismus der Linken und der Rechten behandelt Aschheim Nietzsches Einfluss auf Bewegungen der Rechten und der Linken in Deutschland. In einem vorhergehenden Kapitel hatte er bereits beschrieben, wie bestimmte Teile der extremen Rechten und der traditionell "völkischen" Bewegungen in der Lage waren, Nietzsche als Waffe gegen Marx zu gebrauchen: "...konnte Nietzsche als wirkungsmächtiger Widerpart zu Marx fungieren, weil mit ihnen das Kulturelle gegenüber dem Materiellen, das Geistige gegenüber dem Ökonomischen hervorgehoben wurde." (S. 147)

Der erste große sozialistische Theoretiker, der sich mit der Bedeutung Nietzsches auseinander setzte, war der sozialdemokratische Historiker und Philosoph Franz Mehring, der ihn als den Philosophen des "entwickelten Kapitalismus" beschrieb, der die Interessen der Bourgeoisie in ihrer aggressivsten Form ausdrückte. Aschheim macht klar, dass Mehrings Beschäftigung mit Nietzsche keineswegs nur eine pädagogische Übung war. Bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab es innerhalb der Sozialdemokratie Elemente, die sich zu Nietzsches Ideen bekannten.

Innerhalb der SPD hatte sich eine Gruppe ultralinker Radikaler gebildet, die sich die Jungen nannten. Unter der Führung von Bruno Wille vertrat diese Gruppe einen Individualismus, der sich auf Nietzsche gründete. Die Parteiführung wurde von ihnen des bürgerlichen Konformismus beschuldigt, weil die SPD eine Politik der Beteiligung an Wahlen eingeschlagen hatte, Sitze im Parlament einnahm usw.. Sie folgte dabei dem Kurs, den einer der Begründer des modernen Sozialismus, Friedrich Engels, ihr vorgeschlagen hatte. Vier Jahre lang tobte darüber eine wilde Auseinandersetzung in der Parteipresse. Wille bezichtigte die Partei, altersschwach und weit weg von den Massen zu sein. Als sich die Rauchschwaden dieser hitzigen Debatte verzogen hatten, wurde klar, dass das Angriffsziel der Jungen nicht so sehr die SPD als vielmehr der Marxismus selbst gewesen war. Viele Mitglieder der Jungen verließen anschließend die Partei, wurden "unabhängige Sozialisten" und gründeten ihre eigene Zeitschrift Der Socialist.

Von Gustav Landauer (1870-1919), der eine Zeitlang Herausgeber des Socialist war, wurde die Grundlage zu einem sogenannten "Nietzsche-Anarchismus" gelegt. Während er Nietzsches Polemik gegen menschliche Solidarität und allgemeingesellschaftliche Interessen nicht zur Kenntnis nahm, übernahm Landauer dessen Voluntarismus, seine Kritik des Materialismus und seine gelegentlichen Tiraden gegen Kapitalismus und "Geldwirtschaft", um darauf seine eigene Version des Anarchismus aufzubauen.

Eine andere Gruppe bildete sich innerhalb der SPD um die Person Karl Leuthners und die einflussreiche sozialdemokratische Zeitschrift Sozialistische Monatshefte herum. Diese Gruppe stand rechts von der Parteiführung und bezog sich auf Nietzsches vitalistische Philosophie ebenso wie auf seine Befürwortung des Militarismus. Die Gruppe trat in der SPD für eine aggressive und nationalistische Außenpolitik ein mit dem Ziel, die Vorherrschaft der bestehenden imperialistischen Großmächte herauszufordern. Leuthner war wegen seiner Thesen scharfen Angriffen von Seiten des damals führenden sozialdemokratischen Theoretikers Karl Kautsky ausgesetzt.

Kautsky polemisierte höchst erfolgreich gegen die anarchistischen Strömungen innerhalb und im Umkreis der SPD. Aber die Mehrheit der von ihm geführte Partei kapitulierte schließlich unter dem Druck des Apparats und der Gewerkschaften vor den Kriegstreibern und stimmte 1914 den Kriegskrediten für den Kaiser zu.

Obwohl Nietzsches Ideen in der Partei niemals eine große Anhängerschaft hatten, macht Aschheim klar, dass sich eine Reihe von Gruppierungen Nietzsche zuwandte, um gegen die ursprünglichen, auf Marx zurückgehenden Prinzipien zu kämpfen, die die Aktivitäten der Sozialdemokratischen Partei in ihren ersten Jahrzehnten angeleitet hatten. Obwohl sich Aschheim in seiner Analyse auf Deutschland konzentriert, weist er doch auch auf führende Sozialisten in anderen Ländern hin, die Anhänger Nietzsches waren: Anatoli Lunatscharski und Stanislaw Wolsky im vorrevolutionären Russland Victor Adler in Österreich und Benito Mussolini in Italien.

Die Frankfurter Schule

Nach seiner Abhandlung über die Anhängerschaft Nietzsches in der frühen sozialistischen Bewegung wendet sich Aschheim auch der Entwicklung der Mitglieder der Frankfurter Schule zu. Die Geschichte der Frankfurter Schule und die Rolle, die Nietzsche in ihrer Entwicklung (oder vielmehr in ihrem Niedergang) spielte, ist eine komplexe Frage, die in einer wenige Seiten umfassenden Abhandlung kaum ausreichend behandelt werden kann.[9] Trotzdem macht Aschheim hinreichend klar, dass insbesondere nach dem Krieg die Diskussionen über die Bedeutung Nietzsches eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Frankfurter Schule spielten.

Das Institut für Sozialforschung wurde Anfang der zwanziger Jahre der 20. Jahrhunderts von eine Gruppe von Intellektuellen gegründet, von denen viele aus jüdischen Familien kamen. Ihre führenden Köpfe schlossen sich nie einer bestimmten Partei an. Dennoch machten sie aus ihrer sozialistischen Orientierung, ihrer Opposition gegen den Verrat, den die Sozialdemokratie (Unterstützung des Krieges 1914 und Niederschlagung der Revolution von 1919) verübt hatte, sowie aus ihrer Sympathie für die Russische Revolution nie ein Geheimnis. In seinen Schriften aus den zwanziger Jahren beschreibt z. B. der junge Max Horkheimer, der zusammen mit Theodor W. Adorno die Aktivitäten des Instituts leitete, Sowjetrussland in glühenden Farben. Das Ziel, auf das sich die Schule festgelegt hatte, war die Anwendung der Marxschen Analyse auf die kapitalistische Gesellschaft als Grundlage einer neuen Form der unabhängigen Sozialforschung. Im ersten Jahrzehnt der Existenz der Schule entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit mit dem Marx-Engels-Iinstitut in Moskau, das damals von David Rjasanow geleitet wurde.

Die Gruppe ging, erschüttert durch die Machtübernahme der Nazis 1933, ins Exil, die ursprünglich engen Verbindungen zu Moskau schliefen allmählich ein und wurden schließlich durch den Aufstieg des Stalinismus innerhalb der Sowjetunion vollständig abgebrochen. Die Leiter des Instituts waren sich vollkommen im Klaren darüber, was in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre in der Sowjetunion vor sich ging. In seiner Korrespondenz beschreibt ein führendes Mitglied der Frankfurter Schule, Leo Löwenthal, die Verfolgungen, denen die Opposition in der Sowjetunion ausgesetzt war, als "ein großes Trauma für uns". Ein anderer wichtiger Angehöriger des Instituts, Erich Fromm, tauschte in seinem Briefwechsel mit Max Horkheimer Details über die juristischen und politischen Verfolgungen anlässlich der Moskauer Prozesse aus.

Wie viele andere linke deutsche intellektuelle Exilanten reagierten auch die Mitglieder der Frankfurter Schule in den dreißiger Jahren, indem sie über die Verbrechen der Stalinisten Stillschweigen bewahrten. Adorno beispielsweise war ausdrücklich dafür, zu schweigen. Er fürchtete, sonst als "Befürworter des imperialistischen Krieges" zu gelten: "Im Augenblick ist das Schweigen die loyalste Haltung", riet er. In einem anderen Brief an Horkheimer schreibt er, dass die Gruppe "Disziplin halten soll und nichts publizieren, was Russland zum Schaden ausschlagen kann." (Die Korrespondenz ist nachzulesen in dem Band: Kritische Gesellschaftstheorie und historische Praxis von Olaf Asbach, Frankfurt 1997, S. 147) Unter den schwierigsten Bedingungen während der dreißiger Jahre und während des Zweiten Weltkriegs - verfolgt von allen Seiten, von Faschisten, Stalinisten und bürgerlichen Regierungen - waren es allein die Anhänger der Vierten Internationale, die dafür kämpften, die Arbeiterbewegung auf der Grundlage eines historisch materialistischen Verständnisses vom Faschismus und von Stalinismus neu zu bewaffnen.

In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel gab Max Horkheimer gegen Ende seines Lebens zu, dass er sich bereits während des Zweiten Weltkriegs vom Marxismus entfernt habe. Die Erfahrung der faschistischen Machtübernahme, verbunden mit den stalinistischen Schauprozessen, führte bei ihm dazu, dass er jegliche Verbindung mit dem revolutionären Marxismus über Bord warf und die Arbeiterklasse nicht mehr als die Kraft der Veränderung ansah.

Die wachsende Entfernung der Mitglieder der Frankfurter Schule von Marx ging einher mit einem zunehmenden Interesse am Werk Nietzsches. Max Horkheimer bemerkte 1937 wohlwollend über Nietzsche: "Die Unabhängigkeit, die in seiner Philosophie zum Ausdruck kommt, die Freiheit von den versklavenden ideologischen Mächten ist die Wurzel seines Denkens." Aschheims Kommentar zu diesem Zitat ist interessant: "Solch kritische Unabhängigkeit war entscheidend für einen Marxismus ohne Proletariat, in dem die Theorie zur Praxis geworden war." (Ascheim: Nietzsche und die Deutschen,S. 190)

Horkheimers und Adornos wachsendes Interesse an Nietzsche ist ganz evident in ihrem gemeinsamen Werk Dialektik der Aufklärung, das erst 1947 nach dem Zeiten Weltkrieg veröffentlicht wurde. Die Argumentation des Buches ist sehr dicht und komplex, aber in ihrem Verlauf führen die beiden Autoren sowohl Nietzsche als auch den Marquis de Sade ein, um das Denken der Aufklärung und den Begriff des Fortschritts in Zweifel zu ziehen. Charakteristisch für Horkheimers und Adornos Behandlung von Nietzsche ist ihre kritische Ambivalenz zu ihm, aber in einigen Abschnitten kommen sie gemeinsam zu Schlussfolgerungen wie: "Aufklärung ist totalitär". Sie schreiben und erklären, "Aber die vollends aufklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils." ( Dialektik der Aufklärung, Reclam-Ausgabe, S. 16)

Es ist möglich, in den Positionen, die in der Dialektik der Aufklärung entwickelt werden, die Keime aufzuspüren, die schließlich 20 Jahre später in Horkheimers offener Verteidigung Nietzsches und seiner Behauptung, dieser sei ein bedeutender Denker als Marx, zur Blüte kamen.[10]

Die gegenwärtige Wiederbelebung des Interesses an Nietzsches Denken ist eng verbunden mit dem Verrat des Stalinismus im zwanzigsten Jahrhundert und der Abwendung einer ganzen Generation von Intellektuellen von den fortschrittlichen Idealen, die in der Aufklärung und der sozialistischen Bewegung verkörpert sind. Bei den führenden Mitgliedern der Frankfurter Schule war die Umarmung Nietzsches entscheidend für den Prozess ihrer Entfernung vom Marxismus. In anderen europäischen Ländern fand die Rehabilitation Nietzsches nach dem zweiten Weltkrieg entweder innerhalb der stalinistischen Parteien oder an ihren Rändern statt.

Die vielleicht wichtigste Persönlichkeit in dieser Hinsicht ist wohl der italienische Historiker Mazzino Montinari. Montinari verbrachte Jahre seines Lebens damit, im Weimarer Nietzsche-Archiv zu forschen und schrieb eine ganze Reihe von beschönigenden Essays und Büchern über Nietzsche. Er gab eine kritische Ausgabe seiner Werke heraus, die von vielen als die gültige angesehen wird. Zu Beginn der sechziger Jahre war Montinari Herausgeber des theoretischen Zentralorgans der Kommunistischen Partei Italiens Rinascita und blieb bis an sein Lebensende Parteimitglied.

Poststrukturalismus und Postmodernismus

In Frankreich nach 1945 ist es möglich, recht präzise zu verfolgen, wie in Schichten linksorientierter Intellektueller und in den Universitäten allmählich Marx durch Nietzsche ersetzt wurde. Trotz der groben Entstellungen, denen das Werk von Marx in den Händen der Stalinisten ausgesetzt war, war es innerhalb der französischen Linken in den sechziger Jahren immer noch unmöglich, Marx offen anzugreifen. Indessen setzte in dieser Zeit eine Kampagne ein, die Rolle Hegels und der Hegelschen Dialektik bei Marx zu diskreditieren. Hierbei erwies sich die Hinwendung zu Nietzsche als Hauptwaffe derjenigen, die versuchten, den Marxismus zu revidieren.[11]

Einige Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg war Nietzsche überwiegend als zweitranige Figur nur im Zusammenhang mit Martin Heidegger betrachtet worden. Dieser selbst hatte den größten Einfluss auf den Philosophen Jean Paul Sartre in dessen Ausarbeitung seines existentialistischen Denkens. Ein Anhänger der Philosophie Nietzsches, Alan White, schrieb: "Bis in die sechziger Jahre wurde Nietzsche im Allgemeinen als ... ein Befürworter der Machtpolitik gelesen, der sich der Schaffung des Übermenschen widmete, der die Welt beherrschen wollte. Seit Anfang der siebziger Jahre trat dieser Auffassung vor allem in Frankreich eine beeindruckende Reihe von Denkern entgegen, die an Nietzsches Werk schätzten, dass es jegliche Möglichkeit der Kommunikation unterhöhlte, ja sogar die Existenz unzweideutig bestimmbarer Lehren in Zweifel zog."

Die Wiederbelebung Nietzsches in Frankreich begann mit einem Buch des Philosophen Gilles Deleuze, Nietzsche und die Philosophie(1962). In seiner Verteidigung des Denkens von Nietzsche machte Deleuze kein Geheimnis daraus, dass sein eigentliches Ziel Hegel und seine Dialektik waren. Er schreibt: "Zwischen Hegel und Nietzsche ist jeder Kompromiss ausgeschlossen. Nietzsches Philosophie, der große polemische Tragweite eignet, ist von ihrer Form her absolut undialektisch." (Nietzsche und die Philosophie S. 212) Die Kampagne, Nietzsche in Frankreich zu rehabilitieren, gewann rasch an Boden.

In seinem Essay Le moment français de Nietzsche (Nietzsches französischer Moment) stellt Vincent Descombes fest, dass die Nietzsche-Konferenz, die vom 4. bis 8. Juli 1964 in Royaumont stattfand, als Wendpunkt in der Nietzschrezeption in Frankreich angesehen werden kann. Einer der wichtigsten Vorträge wurde von Michel Foucault gehalten, der in seinem Beitrag versuchte, eine gemeinsame Grundlage zwischen Marx, Sigmund Freund und Nietzsche herzustellen.

Foucault (1926-1984) begann seine akademische Laufbahn als Philosoph, als er gemeinsam mit Jean Hyppolite und Louis Althusser an der Ecole Normale Superièure studierte (wo auch Sartre lehrte). Eine Zeitlang war Foucault Mitglied der Kommunistischen Partei, verließ sie jedoch 1951. Trotz seines organisatorischen Bruchs mit der Partei gehörte die vulgarisierte Form des Marxismus, wie sie der französische Stalinismus und sein führender Ideologe der sechziger Jahre Louis Althusser verbreiteten, zu der Luft, die Foucault und die anderen Studenten der Ecole Normale Superièure viele Jahrzehnte atmeten.

Foucaults Mentor Althusser war der erste bedeutende Theoretiker innerhalb der Kommunistischen Partei, der systematisch begann, die Hegelsche Dialektik anzugreifen. In einer Reihe von Schriften, die in den sechziger Jahren veröffentlicht wurden ( Für Marx, Das Kapital lesen) behauptet Althusser, dass Marx in seinen späteren Schriften (insbesondere im Kapital) vollständig mit Hegel gebrochen habe. Althusser griff auch das Kernstück des historischen Materialismus an, indem er die Rolle der "Struktur", wie er es nannte, in der sozialen und politischen Entwicklung gegen die vom klassischen Marxismus betonte grundlegende Rolle der Kräfte der Ökonomie hervorhob.

Michel Foucault bildet das entscheidende Glied zwischen Althussers radikaler Revision des Marxismus (dem Strukturalismus) hin zur offenen Feindschaft gegen Marxismus und Aufklärung, wie sie die postmodernistische Bewegung vertritt. Foucault bezog sich auf das Wesen der Ideologie Nietzsches: seine Verneinung einer objektiven Wahrheit - "Es gibt keine Tatsachen, nur Interpretationen." ( Wille zur Macht) -, sein Leugnen einer materiellen, erforschbaren Welt zugunsten eines Relativismus - "Dass ein Urteil falsch ist, ist unserer Meinung nach kein Einwand gegen dieses Urteil."(Jenseits von Gut und Böse).

Für Foucault ist die objektive Welt keine Welt von Tatsachen, die objektiv erprobt und untersucht werden können; stattdessen besteht Foucaults Welt aus Diskursen, Narrationen, - Interpretationen ohne jegliches sichere Mittel um festzulegen, welcher "Diskurs" der übergeordnete ist. Gleichzeitig betont Foucault Unterschied und Besonderes: "die erstaunliche Effizienz der unterbrochenen und lokalen Kritik" gegenüber der " hinderlichen Auswirkung der globalen, totalitären Theorien" (zitiert in Postmodern Theory, Critical Investigations, Steven Best and Douglas Kellner, The Guildford Press, 1991, S.38-39) Letztere Kategorie umfasst nach Foucault auch den Sozialismus. Foucaults Einwand gegen den "Totalitarismus" hier wandelt sich später in den Schlachtruf nach dem Eigeninteresse des Individuums und der Identitätspolitik eines der führenden Autoren der postmodernistischen Bewegung, Jean-François Lyotard: "Lasst uns den Krieg gegen die Totalität beginnen, lasst uns Zeugen des Nichtrepräsentativen sein, lasst uns die Unterschiede aktivieren." ( Das postmoderne Wissen, Passagen Verlag, 1999)

Es ist nicht möglich, hier auf alle Aspekte und Auswirkungen der Vereinnahmung Nietzsches durch die postmodernistischen Philosophen einzugehen, - um alle Annäherungen des modernen französischen Denkens an das Erbe von Nietzsche zu illustrieren; wäre ein eigenes Buch erforderlich.[12] Dennoch bleibt festzuhalten, dass das Wesen von Nietzsches Werk - sein entschlossener Versuch, die progressiven Errungenschaften und Ideale der Aufklärung zurückzuweisen - in den Schriften der Poststrukturalisten (Foucault) und Postmodernisten höchst plastisch zum Ausdruck kommt.

Abschließende Bemerkungen

Im Verlauf dieser kurzen Studie habe ich versucht, die grundlegenden Strömungen im Denken Friedrich Nietzsches herauszuarbeiten und einige der dynamischen sozialen Prozesse aufzuzeigen, die dem wachsenden Interesse an ihm im zwanzigsten Jahrhundert zugrunde liegen. In Deutschland gab es immer eine konservative Lobby (Spengler, Jünger, Heidegger), die Nietzsche als einen der ihren umarmt hat. Aber Nietzsche hat auch Teile der liberalen Intelligenz beeinflusst. In der frühen deutschen Sozialdemokratie lieferte Nietzsches Werk utopistischen und anarchistischen Strömungen Munition gegen die sozialistischen Ziele der SPD. Für die verzweifelten Intellektuellen der Frankfurter Schule, die gelähmt waren durch den Faschismus auf der einen und den Stalinismus auf der anderen Seite, war Nietzsches Philosophie ein wichtiger Faktor für ihre Abkoppelung von einer sozialistischen Perspektive.

Auf ihre Art sind die Postmodernisten zum Kern der Philosophie Nietzsches vorgedrungen, um einen umfassenden Angriff auf den Sozialismus und das fortschrittliche Denken überhaupt zu unternehmen. Sie stehen voll hinter ihrem Mentor, wenn er seine Ablehnung gegen das Denken der Aufklärung herausstößt: "Ecrasez l´infame!" (Zermalmt diese Niedertracht!)

Auf ihre eigene Weise ist die Wiederbelebung von Nietzsche und seinem Denken in einer ganzen Reihe von Ländern am Beginn dieses neuen Jahrhunderts eines der klarsten Anzeichen für die herrschende soziale und ideologische Krise, die ihre Ursache in einer Reihe von Rückschlägen für die Arbeiterklasse und die sozialistische Bewegung im zwanzigsten Jahrhundert hat. Auf der Grundlage der Diskreditierung des ursprünglichen Sozialismus durch den Stalinismus stützen sich die Befürworter des modernen Kapitalismus auf Nietzsche, um nachzuweisen, dass die inhumane Ausbeutung, der Militarismus und der Zynismus auf dem Gebiet der Kultur dem natürlichen Lauf der Dinge entsprechen. [13] Enttäuschte Exradikale und Schreiberlinge an den Universitäten plündern Nietzsche, um zu demonstrieren, dass systematisches wissenschaftliches Denken, eine Weltanschauung auf der Grundlage von Rationalität und Fortschritt unerreichbar - ja sogar nicht erstrebenswert sei. Die Befürworter der freien Marktwirtschaft können kein besseres Modell für ihr Vorhaben finden, eine Wiederbelebung fortschrittlicher Ideale und der Erneuerung von sozialistischen und Gleichheitsideen zu verhindern, als die eher traurige Gestalt eines Friedrich Nietzsche.

Der Verfechter des "Übermenschen", der sich hoch über das niedrige "Gesindel" erhebt, der Verteidiger des Krieges und des kriegerischen Geistes beendete sein Leben als lallender Schwachsinniger, der nicht mehr in der Lage war, seine körperlichen Funktionen zu kontrollieren, manipuliert von seiner Schwester, die er verachtete. In gewisser Hinsicht ist Nietzsches tragisches Ende selbst eine Metapher. Sie drückt die schiere Unmöglichkeit jeden Versuchs aus, das reiche und mächtige Erbe des klassischen Denkens und der Aufklärung zu schmälern und es in die Zwangsjacke der Wiederbelebung der Mythen, des arischen Geistes und der aristokratischen Eliten zu zwängen.

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Anmerkungen:

1. Die Zitate von Nietzsche wurden aus der digitalen Version der historisch kritischen Ausgabe von Colli und Montinari eingefügt. Die historische Rechtschreibung von Nietzsche wurde beibehalten.

2. Nietzsches Familienverhältnisse stehen in engem Zusammenhang mit seinen lebenslangen Problemen im Verhältnis zu Frauen. Zweimal in seinem Leben wurde er zurückgewiesen, als er heiraten wollte. In ihren Werken offenbaren sowohl Nietzsche als auch Schopenhauer höchst herbsetzende Ansichten über Frauen. In seinem berühmten Essay über Schopenhauer bezieht sich der deutschen Marxist Franz Mehring darauf, wie der Philosoph des Pessimismus in seinem Text Über die Frauen diese mit Ameisen vergleicht. Nietzsche dagegen neigt eher dazu, Frauen und Kühe mit einander zu vergleichen. Siehe dazu: Also sprach Zarathustra: Von alten und jungen Weiblein.

3. Eine beißende Kritik der rückgratlosen deutschen Radikalen von 1848 liefert Friedrich Engels in Revolution und Konterrevolution in Deutschland.

4. Trotz gewisser Schwächen bleibt Georg Lukacs´ Die Zerstörung der Vernunft(1946) eine der besten Abhandlungen über die irrationale Philosophie im 19. Jahrhundert in Deutschland. Als Theoretiker überragte Lukacs bei weitem die meisten der Intellektuellen, die innerhalb der stalinistischen Sowjetunion wirkten. Trotzdem passt sich Lukacs in Die Zerstörung der Vernunft immer wieder an Positionen der stalinistischen Orthodoxie an. Im Schlusskapitel des Buches versteigt sich Lukacs zu einer offensichtlichen Propaganda für Stalin und preist den Sozialismus als ein System, das das bewusste nationale Leben und die nationale Kultur fördere. In anderen Passagen des Buches spannt Lukacs sein Netz des "Irrationalismus" entschieden zu weit. Nach Lukacs ist mit Nietzsche jegliche progressive bürgerliche Philosophie zum Ende gelangt. Somit gelangt er dann dazu, die progressiven und demokratischen Elemente im Werk eines Philosophen, wie des amerikanischen Pragmatisten John Dewey, seiner allgemeinen Kategorie der Irrationalismus zuzuordnen.

5. Das Element des Eklektizismus in Nietzsches Werk sollte nicht unterschätzt werden. In einem Buch, auf das wir im dritten Teil dieser Serie zurückkommen werden, bemerkt der Autor Stephen Aschheim, dass zu den Strömungen des 20. Jahrhunderts, die ihre Assoziationen auf Gedanken von Nietzsche gründen, unter anderem der Feminismus (siehe Anmerkung 2), religiöse Organisationen (vergl. Anmerkung 6) und sogar das Vegetariertum zu zählen seien.

6. Nietzsche wird oft als militanter Atheist dargestellt, der den "Tod Gottes" erklärte. Aber Nietzsche greift die Religion niemals von einem wissenschaftlichen oder materialistischen Standpunkt aus an, und in seinen Schriften beklagt er oft die Ausbreitung des Säkularismus. Wie wir gesehen haben, war er beständig ein Befürworter von Mythen und Illusionen. Tatsächlich sind seine Pfeile in einer Reihe von Texten, in denen er die Heuchelei der christlichen Religion angreift, präzise auf die demokratischen Elemente des Christentums gerichtet. An anderen Stellen spricht er sehr positiv über bestimmte Formen der indischen Religion mit ihrem strengen System von Kasten und Hierarchien.

7. Der junge Leo Trotzki schrieb einen scharfsinnigen Artikel über Nietzsche in dessen Todesjahr - 1900. Trotzki schreibt, dass Nietzsches Philosophie eine besondere Anziehung auf eine Schicht ausübt, die er parasitäres Proletariat nennt. Diese soziale Schicht innerhalb des Kapitalismus ist privilegierter als das Lumpenproletariat. Insbesondere Nietzsches Philosophie vom Übermenschen, so schreibt Trotzki, eigne sich als Rechtfertigungsideologie für Leute wie "Finanzhasardeure, Börsenspekulanten, skrupellose Politiker und Pressemanipulierer." Trotzkis Artikel befindet sich in den Cahiers de Leon Trotsky, vol. 1, herausgegeben von Pierre Broué.

8. Kenan Malik: The Meaning of Race, Macmillan Press 1996

9. Lohnenswerte Studien zur Frankfurter Schule: Ralf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung, München 1997; Martin Jay: Dialektische Phantasie, Franfurt/Main, 1976.

10. Ein anderer führender Theoretiker der Frankfurter Schule, Herbert Marcuse zollte Nietzsche Tribut wegen der "befreienden Atmosphäre von Nietzsches Denken", die "Gesetz und Ordnung" durchbricht. (H. Marcuse: Der eindimensionale Mensch, München, 1994)

11. Zusätzliche Materialien über die Beziehungen der Postmodernisten zum französischen Stalinismus sind in meiner Rezension des Buches Eleganter Unsinn nachzulesen [http://www.wsws.org/de/2000/aug2000/post-a15.shtml]

12. Eine Studie, die sich mit der Rezeptionsgeschichte von Nietzsche in Frankreich auseinandersetzt ist Jacques Le Riders Nietzsche in Frankreich.

13. Der Hauptbefürworter des Postmodernismus und Nietzscheanhänger in den USA ist Richard Rorty, der in einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian erklärte: "Komplexe Gesellschaften können sich nicht reproduzieren, ohne an der Logik der Marktwirtschaft festzuhalten. Linke Intellektuelle benötigen Zeit, sich psychologisch und terminologisch anzupassen, damit sie fähig werden, zu erkennen, dass es keine Alternative zum Kapitalismus gibt."