Bam droht das Pulverfass Iran zu sprengen

Bericht unserer Korrespondentin vor Ort

Von Jean Shaoul
21. Januar 2004

Als ich vor kurzem den Iran besuchte, verließ ich Bam weniger als 24 Stunden vor dem schrecklichen Erdbeben, das die antike Stadt und nahe gelegene Ortschaften im Südosten des Iran zerstörte und nahezu 32.000 Menschen das Leben kostete. Die Erschütterung und die Nachbeben waren so stark, dass noch im 120 Kilometer entfernten Kerman, wo ich mich aufhielt, alle Menschen nachts aufwachten.

Bei aller tiefen Erschütterung und Trauer sind die sozialen, ökonomischen und kulturellen Folgen des Erdbebens tatsächlich unabsehbar. Unwillkürlich denkt man an ein Gedicht des berühmten Saadi von Schiraz aus dem 13. Jahrhundert:

Die Menschenkinder sind ja alle Brüder

aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder

hat Krankheit nur ein einzig Glied erfasst

So bleibt anderen weder Ruh und Rast

Wenn anderer Schmerz dich nicht im Herzen brennt

verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt. (1)

Die 2000 Jahre alte, von Dattelpalmen, Orangen-Obstgärten und Hennasträuchern umgebene alte Oasenstadt am südlichen Rande der Wüste zwischen Iran und Pakistan ist zu mehr als 90 Prozent zerstört. Beinahe die Hälfte der Bevölkerung kam auf der Stelle ums Leben. Die Menschen erstickten in den Trümmern ihr schlecht gebauten Häuser oder erfroren im Freien. Einhunderttausend Menschen wurden obdachlos. Die beiden Krankenhäuser und das Waisenhaus der Stadt wurden zerstört. Die Rettungsbemühungen wurden dadurch erschwert, dass die Hälfte der örtlichen Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger getötet wurde.

Nach der Anzahl der Todesopfer war es das schlimmste Erdbeben der Welt seit demjenigen in der chinesischen Stadt Tangshan im Juli 1976, das mehr als 250.000 Menschen das Leben kostete. Einige Überlebende übernachteten zunächst in Zelten in der Nähe der Ruinen, die einst ihre Häuser waren. Andere wollten dort bleiben, wo sich ihre letzte Habe befand und ihre Angehörigen unter dem Schutt begraben lagen. Hunger und Kälte bedrohen ihr Leben. Am nötigsten gebraucht werden Wasser und sanitäre Anlagen. Bam und Umgebung wurden noch tagelang von Nachbeben erschüttert.

Von den 40.000 Kindern, die etwa die Hälfte der Bevölkerung Bams ausmachten, sind den bisherigen Schätzungen zufolge etwa 20.000 ums Leben gekommen. Viele der Überlebenden sind verwaist, sie haben nicht nur ihre Eltern, sondern auch ihre Großfamilien verloren. Ihre Zukunft ist unklar. Brendan Paddy von der britischen Hilfsorganisation "Save the Children" erklärte gegenüber der Tageszeitung Observer : "Tausende Kinder wurden auf einen Schlag getötet, verletzt oder zu Waisen. Die Kinder, der verletzbarste Teil der Bevölkerung, sind völlig hilflos."

Bam war eine Stadt mit großen sozialen Problemen: Isolation, Armut, Arbeitslosigkeit und Drogensucht. Gebildete und qualifizierte Menschen hatten die Stadt längst verlassen. Zugezogen waren unter anderem Mitglieder des halbnomadischen Baluchi-Stammes. Die Arbeitslosigkeit lag weit über dem nationalen Durchschnitt von 21 Prozent, und nun sind auch die letzten verbliebenen Betriebe zerstört worden.

Bewässerungssystem zerstört

Während die Obstbäume und Palmen heil blieben, wurde das aus dem Altertum stammende Qanat-Bewässerungssystem zerstört. Durch unterirdische Kanäle leitete es Wasser vom Fuß des nahe gelegenen Barez-Gebirges in die Stadt und auf die Felder. Strahlendes Grün inmitten von Steppe und Wüsten gehört zu den bleibendsten Eindrücken der iranischen Landschaft. Zehntausende Städte und Dörfer verdanken ihr Leben dieser uralten Technik, die wahrscheinlich vor 2.500 Jahren zu Zeiten des persischen Herrschers Cyrus des Großen entwickelt wurde.

Ein Qanat ist ein unterirdischer Kanal von bisweilen mehr als 100 Kilometern Länge, der 10 bis 30 Meter unter der Erde liegt. Man trieb am Fuß schneebedeckter Berge einen Schacht hinab zum Grundwasser. Von dort aus grub man Tunnel, durch die Wasser zu einer Ortschaft, einer Oase oder auch einem einzeln stehenden Haus geleitet wurde. Diese Tunnel wurden mit Steinen oder Kacheln verkleidet. Etwa alle 50 Meter wurden weitere Schächte gegraben, die der Beseitigung von Schutt und der Belüftung dienten. Diese Schächte sind als eine Kette maulwurfhügel-artiger Erhebungen erkennbar.

Es erforderte ein enormes Maß an Geschick und Wissen, eine gerade Linie und genau dasjenige Gefälle zu erreichen, bei dem ein gleichmäßiger Wasserfluss gewährleistet wurde. Das System ist ein Zeugnis des außerordentlichen kulturellen Blüte des alten Persiens. Die Qanats sind bis heute in Betrieb, und es werden immer noch neue gebaut. Ingenieure und Agrarwissenschaftlern aus anderen trockenen Gegenden der Welt kommen in den Iran, um diese Technik zu studieren.

In Gebieten wie Bam, wo weniger als 250 Millimeter Regen pro Jahr niedergehen, ist ohne Qanats kein modernes Leben möglich. Der Wegfall von Bewässerung und Industrie wäre gleichbedeutend mit der Rückkehr zu der halbnomadischen Lebensweise aus grauer Vorzeit.

Die Zitadelle von Bam

Das Beben hat nicht nur die Stadt dem Erdboden gleich gemacht, sondern auch das Alte Bam und seine Festung aus dem 16. Jahrhundert, die Arg-e Bam. Die Anlage lag auf einem Hügel am Rande der Stadt und war mit einer Grundfläche von sechs Quadratkilometern der größte Lehmziegelbau der Welt. Typisch iranisch waren die gebrochenen Spitzbögen, die Kuppeln, die spitz zulaufenden Türme und die ummauerten Einfriedungen.

Als Karawanserei entlang der Seidenstraße war Bam überaus typisch für das Persien des Altertums. Mit seiner Lage in der Mitte der damals bekannten Welt befand es sich an der Kreuzung wichtiger Handelsrouten, auf denen die Schätze des Fernen Ostens nach Persien und nach Europe gebracht wurden. Mit seiner Dichtkunst, Literatur, Architektur, seinen Paradiesgärten, Miniaturen und Teppichen - um nur einige wenige Aspekte seiner reichen Kulturgeschichte zu nennen - spielte Persien eine herausragende Rolle für die Entwicklung der westlichen Kultur, und es stimmt in der Tat traurig, dass man hier allgemein so wenig davon weiß oder versteht.

Von den 12 Meter hohen Festungsmauern oder einem der 38 Türme aus, welche die zahlreichen Häuser und den Sitz des Herrschers umgaben, bot sich dem Besucher ein atemberaubender Anblick. Ganz oben befand sich ein Wachturm und ein Pavillon, von dem aus man in alle Richtungen schauen konnte - die endlose Wüste im Norden, die Oasenstadt Bam im Osten und die mächtige Gebirgskette im Süden.

Das Alte Bam, das eine wichtige Grenzbefestigung und Handelsplatz für Nahrungsmittel gewesen war, wurde 1719 von Afghanen erobert. Seine Wirtschaft erholte sich nie vollständig von diesem Schlag. Die Zitadelle wurde im 19. Jahrhundert teilweise abgebaut, und viele Bewohner zogen in neue Siedlungen um, die in der Nähe ebenfalls aus Lehmziegeln errichtet wurden. Im Jahr 1958 lebten nur noch wenige Menschen im Alten Bam, das zunehmend verfiel.

Die iranische Regierung setzte schließlich Teams von Architekten, Historikern und Baumeistern ein, um die historische Anlage zu restaurieren. Die Zitadelle war als eine der größten Touristenattraktionen des Iran eine wichtige Einnahmequelle für die abgelegene und verarmte Stadt. Nun ist auch dies verloren.

Erdbeben im Iran

Dieselben geologischen Prozesse, welche die iranischen Berge hervorgebracht haben, die sich ganz unvermittelt aus dem flachen Land erheben - ähnlich wie Ayers Rock in Australien - machen den Iran auch zu einer der erdbebenanfälligsten Regionen der Welt. Mehr als 70.000 sind seit 1990 bei solchen Beben ums Leben gekommen. Neben den bekanntesten, die in den Jahren 1990 und 1997 stattfanden, gab es zahlreiche weitere Beben, über die in der internationalen Presse gar nicht berichtet wurde.

Allein im Jahr 2002 kam es zu zwei verheerenden Erdbeben. Im Juni 2002 wurde der Iran von einem Beben der Stärke 6,2 auf der Richterskala erschüttert. Etwa 230 Menschen starben, und nahezu 1.500 wurden verletzt. 373 Dörfer und vier Städte waren betroffen. Mehr als 33.000 Wohnungen wurden zerstört. Die iranische Regierung bezifferte die Schäden mit rund 257 Millionen US-Dollar. Ebenso wie in Bam litten die Armen am meisten, weil sie in Behausungen aus Lehmziegeln leben mussten und keine Mittel für erdbebensichere Konstruktionen hatten.

Im Jahr 1989 wurden im Iran neue Bauvorschriften erlassen, aber seither nicht konsequent umgesetzt, wie die Erfahrungen der Städte Golbaf und Ghaen zeigen. Nachdem es dort in den 1980er Jahren Erdbeben gegeben hatte, wurden sie neu aufgebaut, danach aber erneut von Beben heimgesucht. Ein starkes Beben in Golbaf hatte 1981 1.500 Tote hinterlassen, ein ähnliches im Jahr 1991 nur fünf. In Ghaen hingegen kostete ein zweites Beben im Jahr 1997 nochmals 1.500 Menschen das Leben. Die neu errichteten Häuser waren zwar wie in Golbaf den jüngst erlassenen Vorschriften entsprechend gebaut worden, doch die Bauunternehmen in Ghaen hatten - mit Wissen der Behörden - am Material gespart.

Trotz dieser Vorgeschichte war die Regierung auf das Beben in Bam nicht vorbereitet. Das iranische Fernsehen zeigte wütende Überlebende, die auf die Behörden schimpften, weil sie nur langsam reagierten und jegliche Sicherheitsstandards missachtet hatten. Die englisch-sprachigen Zeitungen brachten eine Menge Kritik an der Regierung.

Natürlich war das Erdbeben an sich eine Naturkatastrophe, doch das Ausmaß der Zerstörung und der Todesopfer geht auf menschliches Versagen zurück. Stärkere Erdbeben, die eine größere Stärke als die in Bam gemessenen 6,3 Punkte auf der Richterskala erreichten, hatten in anderen Fällen keine derart verheerenden Konsequenzen.

Die mangelhafte Bauweise der Lehmziegelhäuser und das Versagen der Behörden, welche die Umsetzung der Bauvorschriften nicht gewährleisteten, hatten zur Folge, dass trotz des Einsatzes von Rettungstrupps aus aller Welt nur wenige Menschen lebend geborgen werden konnten. Sie erstickten in den Staubwolken des Schutts, der auf sie niederstürzte. Als die Behörden versuchten, von ihrer eigenen Verantwortung abzulenken und alle Schuld auf die Baufirmen zu schieben, wurde ihnen von allen Seiten entgegen gehalten, dass sie schließlich diese Unternehmen beaufsichtigen und ihre eigenen Vorschriften durchsetzen müssten.

Gemeinsam mit anderen Touristen meiner Reisegruppe begab ich mich auf der Stelle zum Roten Halbmond in Kerman, wo Freiwillige Hilfseinsätze organisierten. Weit und breit keine Spur von weltlichen oder religiösen Staatsbeamten. Die Bevölkerung und Geschäfte hatten Decken und Bekleidung gebracht. Alle paar Minuten fuhren Busse nach Bam ab. Wir boten an Blut zu spenden, was aber mangels technischer Möglichkeiten abgelehnt wurde. Wir hatten einige hundert Dollar zusammengelegt, doch der Rote Halbmond bestand darauf, dass wir das Geld auf sein Bankkonto einzahlten, wo es sicher wäre. Überall waren Sammelstellen für Geld und Lebensmittel improvisiert worden.

Der "Oberste Führer" Ayatollah Ali Chamenei sowie Präsident Mohammed Chatami sowie ihre rivalisierenden Cliquen kamen drei Tage später nach Bam - praktisch mit leeren Händen. Chamenei versprach, dass die Stadt innerhalb der kommenden zwei Jahre wiederaufgebaut werden solle, "schöner als je zuvor". Doch keiner wollte so recht daran glauben.

Laut Angaben der UN wird der Wiederaufbau der Stadt 700 Millionen bis 1 Milliarde US-Dollar kosten. Sie bat um internationale Spenden, erklärte jedoch zugleich, den Löwenanteil müsse der iranische Staat beisteuern. Die meisten Überlebenden haben ihre eigenen Schlussfolgerungen gezogen - sie sind in die Dörfer zurückgekehrt, die ihre Familien vor einer Generation verlassen hatten.

Chatami versuchte gar nicht erst, große Versprechungen zu machen. Er bezeichnete das Ausmaß der Tragödie als so gewaltig, dass weder staatliche noch private Hilfen den Bedürfnissen der Opfer Genüge tun könnten.

Die politische Basis der islamischen Republik

Die politische Basis der Mullahs sind die Basaris, d. h. die Händler, die große Teile des iranischen Einzelhandels, des Im- und Exports sowie des Kreditsystems kontrollieren.

Die Geschichte des iranischen Basars reicht bis ins 5. Jahrhundert zurück. Damals wurden die öffentlichen Marktplätze hinter die Stadtmauern verlegt. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sie sich zu eigenen Gemeinwesen mit Geschäften, Teehäusern, Gaststätten, Bädern, Moscheen, Religionsschulen und einer Karawanserei. Daneben wurden sie zu Finanzzentren mit einem eigenen Banken-, Kredit- und Investitionssystem. Der Große Basar in Teheran ist bis heute sowohl Börse als auch Gütermarkt.

Die Stände der Basaris dienen lediglich als Kulisse für ihre eigentlichen Geschäfte. Ein Stand im Basar kostet Millionen Rial, bzw. Hunderttausende US-Dollars. Die Verbindung des iranischen Bankensystems, das Wucher bzw. die Erhebung von Zinsen verbietet, mit einem - bis 2001 gültigen - System multipler Wechselkurse bedeutet, dass die Basaris als Geldverleiher fungieren. Dabei nutzen sie ihre Stellung und ihre einflussreichen Verbindungen aus, um unter dem Marktpreis Devisen zu kaufen, sodass sie Importgüter zu weitaus günstigeren Preisen einführen können, als sie auf dem iranischen Inlandsmarkt gelten.

Seit jeher bestehen enge Beziehungen zwischen den Basaris und dem Klerus. Während letzterer die finanzielle Unterstützung der Basaris zur Finanzierung seiner Moscheen und Religionsschulen brauchte, sicherte der Klerus den Basaris ihre gesellschaftliche Stellung. Der Reichtum und die engen Verbindungen zu den religiösen Machthabern verleihen den Basaris eine starke politische Machtstellung. Bei jeder größeren politischen Krise bringt die Schließung des Basars das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben zum Stillstand. Die Basaris spielten eine entscheidende Rolle, als der Schah gestürzt und 1978/79 die Mullahs an die Macht gebracht wurden, um die Arbeiterklasse weiterhin zu unterdrücken.

Die starke Bindung zwischen Klerus und Basar blieb nach der Revolution von 1979 noch Jahre lang erhalten. Die Abschaffung des Systems multipler Wechselkurse, Kampagnen gegen die Bereicherungssucht der Basaris und ein Konjunktureinbruch haben sie in jüngster Zeit allerdings geschwächt. Hintergrund ist der sinkende Ölpreis, der lange Krieg gegen den Irak und die Sanktionen der USA gegen den Iran.

Die soziale Lage

Das Land der Mullahs ist von enormer Ungleichheit und sozialen Problemen geprägt. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung ist seit 1970 um 30 Prozent gesunken. Die - traditionell stark ausgeprägte - Ungleichheit hat geradezu obszöne Ausmaße erreicht. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Es gibt keine unabhängigen Gewerkschaften, und Streiks sind verboten. Die Inflation schreitet immer schneller voran. Einen Eindruck davon vermittelt der Wechselkurs: 9000 Rial auf einen US-Dollar.

Wohnraum ist knapp und teuer. In einer Wohnung für eine Familie drängen sich oft mehrere. Die Bevölkerungszahl hat sich seit 1978/79 nahezu verdoppelt und nähert sich mittlerweile der 70-Millionen-Grenze. Zwei Drittel der Iraner sind jünger als 30 Jahre, und die Hälfte ist unter 20. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Jahr für Jahr 200.000 junge Menschen auswandern.

Zwei Drittel der Bevölkerung leben heute in Städten, Ende der 1950er Jahre waren es nur 31 Prozent gewesen. Die Landflucht verstärkt den Mangel an Wohnungen, Schulen und Arbeitsplätzen. Zwölf Millionen Menschen leben in der Hauptstadt Teheran. Überall wurden triste Hochhäuser und minderwertige Häuser in schlecht geplanten Siedlungen aus dem Boden gestampft. Viele sind bereits baufällig, andere verlassen.

Seit zehn Jahren hat der Iran die größte Flüchtlingsbevölkerung der Welt. Man geht davon aus, dass zu jedem Zeitpunkt rund 3 Millionen Menschen als Flüchtlinge in dem Land leben. Die meisten flohen vor den Bürgerkriegen und dem Taliban-Regime in Afghanistan, sie leben jetzt in den Städten und Dörfern im Osten des Iran. Viele zogen auch auf Arbeitssuche weiter in die Großstädte, z. B. nach Schiraz im Südwesten des Landes. Daneben gibt es Kurden, die vor den ethnischen Konflikten im Nordirak und im Südosten der Türkei geflohen sind, und Menschen aus dem Kampfgebiet in Nagorny-Karabach (Aserbeidschan) im Nordwesten des Iran.

Viele flüchten sich in Drogen, um sich gegen die verzweifelte soziale Krise abzuschotten. Der Iran liegt an der Grenze zu Afghanistan, wo das meiste Opium, Morphium und Haschisch der Welt herstammt, und hat daher leichten Zugang zu Drogen. Laut Angaben der Behörden nehmen mehr als zwei Millionen Iraner Drogen (vier Tonnen Rauschgift pro Tag). In den ärmsten Wohngegenden liegt die Drogenabhängigkeit offen zutage. Die Anzahl der Drogentoten steigt. Für die Zeitspanne vom März bis September 2002 lag ihre offizielle Zahl bei 1.276, ein Anstieg um 58 Prozent gegenüber dem selben Zeitraum des Vorjahres. Einer neueren Umfrage des Economist zufolge kommen im Kampf gegen das Drogengeschäft, der 800 Millionen Dollar jährlich verschlingt, jeden Monat zwölf Polizisten ums Leben. Mehr als 60 Prozent aller Straftaten stehen mit Drogen in Zusammenhang, und mehr als 70 Prozent der sich rasch ausbreitenden AIDS-Infektionen gehen auf den Gebrauch verunreinigter Spritzen zurück.

Am verletzlichsten sind Frauen und Kinder. Mit Entsetzen habe ich in den Zeitungen gelesen, dass in den ersten sechs Monaten des Jahres mehrere Städte von über 15.000 obdachlosen Kindern "gesäubert" wurden. Fast 13.000 davon entfielen auf die Hauptstadt, über zehn Mal so viel wie im Vorjahr. Angeblich gibt es 200.000 offiziell anerkannte Straßenkinder. Später sollte ich sie in den Straßen von Teheran mit eigenen Augen sehen.

Nur zwölf Prozent der Beschäftigten sind Frauen, die daher eine besonders ärmliche Existenz führen. Es gibt sage und schreibe 1,7 Millionen obdachlose Frauen. Die meisten erhalten keine Sozialhilfe, es erstaunt daher nicht, dass die Prostitution zunimmt. Im Iran soll es 300.000 Prostituierte geben.

Der Iran wird immer als tief religiöses Land dargestellt, das blind den Gesetzen der Mullahs folgt. Aber wie vieles andere in der westlichen Propaganda ist auch dies irreführend. Die Mullahs mögen das politische Establishment kontrollieren, das Lernprogramm der Schulen festlegen, Alkohol verbieten, Satellitenfernsehen untersagen, das Internet, westliche Filme, Bücher und Zeitungen zensieren sowie verlangen, dass sich Frauen an die "islamischen Kleidervorschriften" halten, aber das bedeutet nicht, dass sie von der breiten Maße der Bevölkerung unterstützt werden.

Es war offensichtlich, dass beide Flügel des Klerus, die konservativen und die sogenannten "Reformer", zutiefst unpopulär sind und auf Verachtung stoßen. Sie gelten als korrupt und inkompetent. Die Mullahs sitzen auf einem sozialen Pulverfass und sind gezwungen, jede Opposition brutal zu unterdrücken.

Amnesty International in London berichtet im Jahrebericht 2002, dass zahlreiche politische Gefangene verhaftet wurden. Andere befinden sich seit langem ohne Prozess in Haft oder sitzen nach einem unfairen Prozess lange Gefängnisstrafen ab. Viele hatten weder Zugang zu einem Anwalt noch zu ihren Familien. Die Justiz unterdrückte weiterhin die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, zahlreiche Sudenten, Journalisten und Intellektuelle wurden festgenommen. Mindestens 113 Menschen, darunter langfristige politische Gefangene, wurden hingerichtet, nicht selten öffentlich und in einigen Fällen durch Steinigung. Weitere 84 wurden ausgepeitscht, viele davon öffentlich.

Laut der Pariser Organisation Reporters Sans Frontières saßen im Jahr 2000 im Iran mehr Journalisten im Gefängnis als in irgend einem anderen Land.

Das Erdbeben von Bam, das Ergebnis einer Naturkatastrophe, die durch ein Regime verschlimmert wurde, das jede politische und soziale Unzufriedenheit unterdrückt, hat die wahren Beziehungen zwischen der Regierung und der Bevölkerung ans Licht gebracht. Kein Flügel der herrschenden Schicht hat eine Lösung für die enormen Probleme der Region. Dazu muss eine politische Bewegung entwickelt werden, die die Völker des Mittleren Ostens gegen die herrschenden Eliten zusammenschließt und für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft eintritt. Der Aufbau Vereinigter Sozialistischer Staaten des Mittleren Osten würde die künstlichen Grenzen beseitigen, die die Völker und Volkswirtschaften der Region voneinander trennen, und die Voraussetzungen schaffen, um die großen Reichtümer der Region zur Befriedigung der Bedürfnisse der gesamten Bevölkerung einzusetzen.

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(1) Wir haben diese Übersetzung der Website http://www.afghan-aid.de/Gedichte/Saadi.htm, entnommen.

Siehe auch:
Iran: Tausende protestieren gegen islamisches Regime
(19. Juni 2003)
Spannungen im Iran nehmen zu
( 4. September 2002)