Sozialismus in einem Land oder Permanente Revolution

Von Bill Van Auken
26. November 2005

Dies ist der Vortrag "Sozialismus in einem Land oder Permanente Revolution" von Bill Van Auken. Van Auken ist Mitglied der WSWS-Redaktion und hielt seinen Vortrag im Rahmen der Sommerschule der Socialist Equality Party/WSWS, die vom 14. bis 20. August 2005 in Ann Arbor, Michigan, stattfand.

20 Jahre seit der Spaltung im Internationalen Komitee

Der Gegensatz von Sozialismus in einem Land und Permanenter Revolution gehört zu den theoretischen Grundlagen der trotzkistischen Bewegung. Die wesentlichen theoretischen Fragen, die in der Auseinandersetzung um diese zwei entgegen gesetzten Perspektiven aufkamen, wurden bereits in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre geklärt, als Trotzki seinen Kampf gegen die stalinistische Bürokratie führte. Doch sie tauchten auch in späteren Kämpfen innerhalb der Vierten Internationale selbst immer wieder auf und spielten darin eine wichtige Rolle.

Es sind heute zwanzig Jahre vergangen, seitdem das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) mit der Führung der britischen Workers Revolutionary Party (WRP) brach.

Die Bedeutung dieser Spaltung kann man nur begreifen, wenn man die Auseinandersetzungen kennt, die zur Entstehung des Internationalen Komitees führten. Das IKVI wurde 1953 im Kampf gegen den pablistischen Revisionismus gegründet.

Das IKVI widersetzte sich der von Pablo und seinen Anhängern entwickelten These, dass der Stalinismus eine Selbstreform durchlaufen und sogar eine revolutionäre Rolle spielen könne. Desgleichen lehnte es die damit verbundene Konzeption ab, dass der bürgerliche Nationalismus in den kolonialen Ländern in der Lage sei, den Kampf gegen den Imperialismus anzuführen. Zusammengenommen ergab sich aus diesen Theorien eine Liquidierung des Kaders, der historisch auf Basis der revolutionären Perspektive aufgebaut worden war - eine Perspektive, die von Leo Trotzki ausgearbeitet worden war und für die er kämpfte, als er die Vierte Internationale gründete.

Im Jahre 1963 war es die Führung der britischen Sektion, die damalige Socialist Labour League (SLL), die den Kampf gegen die Wiedervereinigung der amerikanischen Socialist Workers Party mit den Pablisten führte. Diese Vereinigung basierte auf der Annahme, dass die kleinbürgerlich-nationalistische Guerilla-Bewegung Fidel Castros auf Kuba einen Arbeiterstaat geschaffen und dadurch angeblich bewiesen habe, dass nicht-proletarische Kräfte eine sozialistische Revolution anführen könnten.

Entgegen der damals sehr beliebten Verherrlichung von Che Guevara, Guerilla-Truppen und der Dritten-Welt-Revolution, verteidigte die SLL kompromisslos Trotzkis Theorie der permanenten Revolution.

Ich möchte einen kurzen Überblick über die wesentlichen Punkte dieser grundlegende Analyse revolutionärer Dynamik des modernen, globalen Kapitalismus geben, wie sie von Leo Trotzki entwickelt wurde: Der Ausgangspunkt der Permanenten Revolution sind nicht der ökonomische Entwicklungsstand oder die inneren Klassenbeziehungen in einem gegebenen Land, sondern der weltweite Klassenkampf und die internationale Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft. Die nationalen Bedingungen sind ein spezifischer Ausdruck dieser Tendenzen. Dies ist die welthistorische Bedeutung dieser Perspektive, die das Fundament für den Aufbau einer wirklich internationalen revolutionären Partei bildete.

In Hinblick auf die unterentwickelten und ehemals kolonialen Ländern zeigte diese Perspektive, dass die Bourgeoisie - die mit dem Imperialismus verbunden ist und Angst vor ihrer eigenen Arbeiterklasse hat - nicht länger in der Lage ist, ihre eigene "bürgerliche" Revolution durchzuführen.

Lediglich die Arbeiterklasse kann diese Revolution durchführen und sie nur durch die Errichtung ihrer Diktatur des Proletariats vollenden. Der permanente Charakter dieser Revolution liegt darin begründet, dass sich die Arbeiterklasse, sobald sie an der Macht ist, nicht allein auf demokratische Aufgaben beschränken kann, sondern auch zur Durchführung von Maßnahmen mit sozialistischem Charakter gezwungen ist.

Die Grenzen beim Aufbau des Sozialismus, die sich aus Rückschrittlichkeit und Isolation ergeben, können nur die Entfaltung der Arbeiterrevolution in den entwickelten kapitalistischen Ländern überwunden werden. Dieser Prozess gipfelt schließlich in der weltweiten sozialistischen Umgestaltung und macht die Revolution folglich in einem zweiten Sinne permanent.

Die wesentlichen politischen Prinzipien, die sich aus dieser Perspektive ergeben - proletarischer Internationalismus und die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse - wurden von den Pablisten zurückgewiesen, als sie sich an den Stalinismus und den bürgerlichen Nationalismus anpassten.

Bevor das IKVI 1985 mit der WRP brach, hatte sich die Führung der WRP über ein Jahrzehnt hinweg scharf von den theoretischen Errungenschaften abgewandt, die sie zuvor in der Verteidigung des Trotzkismus gegen die pablistischen Revisionisten erkämpft hatten.

In den frühen 1980-er Jahren sorgte die Abwendung von dieser Perspektive für wachsende Unruhe innerhalb der Workers League, der amerikanischen Sektion des Internationalen Komitees.

Wie zuvor die Pablisten verwarf die WRP-Führung die wissenschaftliche Einschätzung, dass Stalinismus, Sozialdemokratie und bürgerlicher Nationalismus letztlich Agenturen des Imperialismus innerhalb der Arbeiterbewegung darstellen. Stattdessen schrieben sie zumindest einigen Elementen dieser politischen Tendenzen eine potenziell revolutionäre Rolle zu.

1982 begann die Workers League einen Kampf innerhalb des Internationalen Komitees und erarbeitete eine umfassende Kritik an der politischen Degeneration der WRP, in deren Kern die Frage der permanenten Revolution stand.

Im November 1982 fasste Genosse David North seine Kritik an Gerry Healys Studien im Dialektischen Materialismus zusammen und gab einen Überblick über die politischen Beziehungen, die die WRP-Führung in der jüngeren Vergangenheit im Nahen Ostens entwickelt hatten. Er schrieb: "Marxistische Verteidigung von nationalen Befreiungsbewegungen und der Kampf gegen den Imperialismus wurden auf opportunistische Weise ausgelegt, nämlich als unkritische Unterstützung verschiedener bürgerlicher nationalistischer Regime."

"Trotz aller Absichtserklärungen", fuhr er fort, "ist die Theorie der permanenten Revolution als für die gegebenen Umstände nicht anwendbar behandelt worden." [1]

Die Reaktion der WRP-Führung, die wegen ihres Kampfes für den Trotzkismus zu diesem Zeitpunkt noch immer ein hohes Ansehen innerhalb des ICFI genoss, bestand nicht darin, ihre Standpunkte politisch zu verteidigen, sondern mit einer sofortigen Spaltung der Organisation zu drohen.

Trotzdem warf die Workers League 1984 diese Fragen erneut auf. In einem Brief an den Generalsekretär der WRP Michael Banda brachte David North die wachsende Beunruhigung der Workers League zum Ausdruck und verwies dabei auf die Verbindungen der WRP zu nationalen Befreiungsbewegungen und bürgerlich-nationalistischen Regimes:

"Der Inhalt dieser Bündnisse hat immer weniger eine klare Orientierung auf die Entwicklung unserer eigenen Kräfte widergespiegelt, den zentralen Punkt für den Kampf, die Führungsrolle des Proletariats im antiimperialistischen Kampf in den halbkolonialen Ländern durchzusetzen. Die gleichen Auffassungen, die wir bei der SWP in bezug auf Algerien und Kuba Anfang der sechziger Jahre so heftig angriffen, erscheinen immer häufiger in unserer eigenen Presse." [2]

Und im Februar 1984 gab North dem Internationalen Komitee einen politischen Bericht. Er begann mit einer Kritik an einer Rede des SWP-Führers Jack Barnes, der explizit die Theorie der permanenten Revolution zurückgewiesen hatte, und schloss mit einem Überblick über die opportunistischen Beziehungen der WRP zu bürgerlichen Nationalisten, Labour-Führern und der Gewerkschaftsbürokratie, die in der Praxis auf ein ähnliches Ergebnis hinausliefen.

Die WRP-Führung widersetzte sich erneut einer Diskussion und drohte mit Spaltung. Doch kaum ein Jahr später riss eine interne Krise ihre Organisation auseinander und führte dazu, dass alle Fraktionen der alten Führung sich vom IK abwandten und den Trotzkismus zurückwiesen.

Dem Kurs der WRP-Führung lag eine gegen den Internationalismus gerichtete Perspektive zugrunde. Im Zuge der Spaltung 1985 trat Cliff Slaughter für die nationale Autonomie der britischen Sektion ein und weigerte sich, anzuerkennen, dass der Fraktionskampf innerhalb der WRP einer Klärung der Fragen und dem Aufbau der Weltpartei untergeordnet werden musste.

In einem Brief vom Dezember 1985 lehnte Cliff Slaughter dementsprechend die Autorität des Internationalen Komitees ab und erklärte: "Der Internationalismus besteht genau darin, solche Klassenlinien festzulegen und sie durchzukämpfen." [3]

In ihrer Antwort stellte die Workers League folgende Frage: "Aber wie werden diese ‚Klassenlinien’ bestimmt? Erfordert dieser Vorgang die Existenz der Vierten Internationale? Genosse Slaughters Definition legt nahe - und das ist der ausdrückliche Inhalt seines gesamten Briefes - daß sich jegliche nationale Organisation auf die Ebene des Internationalismus erheben kann, indem sie es von sich aus unternimmt, die ‚Klassenlinien festzulegen und sie durchzukämpfen’" [4]

Dies sind Kernfragen der Perspektive der trotzkistischen Bewegung. Jene Tendenz, die mit dem Trotzkismus brach, reproduzierte die nationalistische Anschauung, die den Stalinismus von Anfang an charakterisierte, während diejenigen, die die historisch entwickelten Perspektiven der Vierten Internationale verteidigten, dies vom Standpunkt des Internationalismus taten.

Stalinismus und Sozialreformismus

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Perspektive, die dem Stalinismus zugrunde lag, kein einzigartiges politisches Phänomen Russlands war.

Der Ursprung des Stalinismus selbst liegt in der widersprüchlichen Entstehung des ersten Arbeiterstaats in einem isolierten und rückständigen Land.

Die Erschöpfung der Arbeiterklasse nach dem Bürgerkrieg trug zusammen mit den Niederlagen der europäischen Arbeiterklasse und der zeitweiligen Stabilisierung des Kapitalismus dazu bei, dass eine nationalistische Perspektive innerhalb des sowjetischen Staates und seiner führenden Partei aufkam.

Diese Perspektive war Ausdruck bestimmter materieller Interessen der Bürokratie. Diese selbst war als Verwalterin einer sozialen Ungleichheit entstanden, die den ersten Arbeiterstaat aufgrund seiner wirtschaftlichen Rückständigkeit und Isolation kennzeichnete.

Dennoch waren der Stalinismus und seine nationalistische Perspektive zweifelsfrei mit einer breiteren internationalen politischen Tendenz verbunden, und seine Ideologie wurzelte in früheren Formen des Revisionismus. Letztlich verkörperte er eine bestimmte Form des Sozialreformismus, der als Reaktion auf die Oktoberrevolution einen einzigartigen und üblen Charakter annahm und sich innerhalb des Sowjetstaats entwickelte.

Der Stalinismus teilte mit der offiziellen Arbeiterbewegung der kapitalistischen Länder allerdings die Ansicht, dass der Nationalstaat und die Entwicklung der nationalen Wirtschaft und Industrie - und nicht die internationale revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse - die Quelle von Fortschritt und Reform sei.

Die Konzeption des "Sozialismus in einem Land" entstand nicht in Russland sondern in Deutschland. 1879 veröffentlichte der rechte bayrische Sozialdemokrat Georg von Vollmar einen Artikel unter dem Titel "Der isolierte sozialistische Staat", mit dem er eine ideologische Grundlage für das spätere Anwachsen des Sozialpatriotismus in der deutschen Sozialdemokratie schuf. Schließlich unterstützte die SPD die eigene Regierung im Ersten Weltkrieg mit der Begründung, in Deutschland gebe es die besten Bedingungen für den Aufbau des Sozialismus. Vollmar sah eine Periode der "friedlichen Koexistenz" zwischen dem isolierten sozialistischen Staat und der kapitalistischen Welt voraus, in der der sozialistische Staat seine Überlegenheit durch die technologische Entwicklung und der Verminderung von Produktionskosten beweisen werde.

Die Kampagne gegen die permanente Revolution

Die 1924 von Bucharin und Stalin entwickelte Behauptung, der Sozialismus könne in der Sowjetunion auf der Grundlage nationaler Reserven und unabhängig vom Schicksal der internationalen sozialistischen Revolution aufgebaut werden, stellte eine grundlegende Revision der Perspektiven dar, die die sowjetische Führung und die Kommunistische Internationale unter Lenin geleitet hatten. Dieses Loslösen der sowjetischen Zukunftsaussichten von der Entwicklung der sozialistischen Weltrevolution stellte einen direkten Angriff auf die Theorie der permanenten Revolution dar, auf die sich auch die Russische Revolution von 1917 gestützt hatte.

Trotzki schrieb in Die Permanente Revolution : "Die Theorie des Sozialismus in einem Lande, die auf der Hefe der Reaktion gegen den Oktober hochgegangen ist, ist die einzige Theorie, die folgerichtig und restlos im Gegensatz steht zu der Theorie der permanenten Revolution." [5]

Was meinte er damit? Die Theorie der permanenten Revolution hatte ihren Ursprung in einer internationalen revolutionären Perspektive; Sozialismus in einem Land hingegen war ein utopistisches und reformistisches Rezept für einen nationalen Sozialismus.

Die permanente Revolution sah die Weltwirtschaft und Weltrevolution als Ausgangspunkt des Sozialismus. Sozialismus in einem Land aber verstand den Sozialismus als nationale Entwicklung.

Diese Fragen standen im Mittelpunkt von Trotzkis Kritik am Programmentwurf der Kommunistischen Internationale 1928, die in dem Buch Die dritte Internationale nach Lenin enthalten ist . Ich möchte Passagen aus dieser Kritik ausführlicher zitieren, die die Grundlagen einer marxistischen Herangehensweise zur Ausarbeitung der Perspektiven genauer erklären. Die unvergängliche Brillanz dieser Analyse tritt heute noch deutlicher hervor - angesichts der immer umfassenderen globalen Integration des Kapitalismus, der wir bei der Entwicklung der IK-Perspektiven so viel Aufmerksamkeit geschenkt haben.

"In unserer Epoche", schrieb Trotzki, "welche die Epoche des Imperialismus, d.h. der Welt wirtschaft und der Welt politik unter der Herrschaft des Finanzkapitals ist, vermag keine einzige Kommunistische Partei ihr Programm lediglich oder vorwiegend aus den Bedingungen und Entwicklungstendenzen ihre eigenen Landes abzuleiten. Dasselbe gilt in vollem Umfang auch für die Partei, die innerhalb der UdSSR die Staatsmacht ausübt. Am 14. August 1914 hatte den nationalen Programmen unwiderruflich die letzte Stunde geschlagen. Die revolutionäre Partei des Proletariats kann sich nur auf ein internationales Programm stützen, welches dem Charakter der gegenwärtigen Epoche, der Epoche des Höhepunkts und Zusammenbruchs des Kapitalismus entspricht. Ein internationales kommunistisches Programm ist auf keinen Fall eine Summe nationaler Programme oder eine Zusammenstellung deren gemeinsamer Züge. Ein internationales Programm muß unmittelbar aus der Analyse der Bedingungen und Tendenzen der Weltwirtschaft und des politischen Weltsystems als Ganzem hervorgehen, mit all ihren Verbindungen und Widersprüchen, d.h. mit der gegenseitigen antagonistischen Abhängigkeit ihrer einzelnen Teile. In der gegenwärtigen Epoche muß und kann die nationale Orientierung des Proletariats in noch viel größerem Maße als in der vergangenen nur aus der internationalen Orientierung hervorgehen und nicht umgekehrt. Darin besteht der grundlegende und ursächliche Unterschied zwischen der Kommunistischen Internationale und allen Abarten des nationalen Sozialismus." [6]

Er fährt fort: "Die Weltwirtschaft ist eine mächtige Realität geworden, welche das wirtschaftliche Leben der einzelnen Länder und Kontinente beherrscht. Sie verbindet Länder und Kontinente, die auf verschiedenen Stufen der Entwicklung stehen, zu einem System wechselseitiger Abhängigkeit und Gegensätzlichkeit. Sie gleicht ihre unterschiedlichen Entwicklungsstufen einander an und verschärft zur selben Zeit umgehend ihre Unterschiede, stellt unerbittlich ein Land dem anderen entgegen. Schon allein diese grundlegende Tatsache verleiht der Idee der kommunistische Weltpartei einen sehr realen Charakter." [7]

Vor Lenins Tode im Jahre 1924 hatte niemand in der Führung der Kommunistischen Partei, weder in der Sowjetunion noch international, jemals vorgeschlagen, dass eine autarke sozialistische Gesellschaft auf sowjetischem Boden oder irgendwo anders errichtet werden könnte.

Zwar resümierte Stalin im April desselben Jahres in "Über die Grundlagen des Leninismus" Lenins Ansichten über den Aufbau des Sozialismus noch richtig in folgendem Absatz:

"Zum Sturz der Bourgeoisie genügt die Anstrengung eines einzelnen Landes. Das zeigt die Geschichte unserer Revolution. Zum endgültigen Sieg des Sozialismus, zur Organisierung der sozialistischen Produktion genügen die Anstrengungen eines einzelnen Landes, zumal eines Bauernlandes wie Rußland nicht. Dazu sind die Anstrengungen der Proletarier einiger fortgeschritteneer Länder notwendig." [8]

Vor Jahresende wurde Stalins "Über die Grundlagen des Leninismus" allerdings in veränderter Fassung neu aufgelegt. Die gerade zitierte Passage wurde durch ihr Gegenteil ersetzt. Das Proletariat "kann und muß die sozialistische Gesellschaft aufbauen", war nun zu lesen, gefolgt von der gleichen Beteuerung, dies stelle die "Leninsche Theorie der proletarischen Revolution" dar. [9]

Diese krasse und abrupte Änderung der Perspektive widerspiegelte das wachsende soziale Gewicht der Bürokratie, die sich ihrer besonderen sozialen Interessen bewusst wurde, die sie mit einem konstanten Wachstum der nationalen Wirtschaft verband.

Ferner stieß der Ruf nach "Sozialismus in einem Land" auf Widerhall bei einer erschöpften sowjetischen Arbeiterklasse, die ihre fortschrittlichsten Elemente entweder im Bürgerkrieg geopfert oder in den Staatsapparat integriert hatte. Die katastrophalen Folgen des Versagens der Kommunistischen Partei in Deutschland während der revolutionären Krise von 1923 zerschmetterten außerdem die Hoffnung auf eine baldige Erlösung durch die Weltrevolution, und linke sowjetische Arbeiter wurden empfänglich gegenüber den Versprechungen einer nationalen Lösung.

Wie Trotzki in seiner Kritik des Programmentwurfs für den sechsten Kongress der Kommunistischen Internationale und in anderen Schriften herausarbeitet, bedeutet die Theorie des "Sozialismus in einem Land" einen direkten Angriff auf das Programm der sozialistischen Weltrevolution.

Wenn es tatsächlich der Fall wäre, erklärte Trotzki, dass der Sozialismus in Russland unabhängig von der Entwicklung der sozialistischen Revolution im Rest der Welt vollendet werden könne, dann würde die Sowjetunion von einer revolutionär internationalistischen Politik zu einer rein defensiven umschwenken.

Die unvermeidliche Logik dieser Veränderung, war die Umwandlung der Sektionen der Kommunistischen Internationale in Grenzhüter - Instrumente einer sowjetischen Außenpolitik, die sich zum Ziel gesetzt hatte, einen imperialistischen Angriff auf die UdSSR mit diplomatischen Mittel zu verhindern, indem sie den globalen Status Quo aufrechterhielt. Letztlich bedeutete diese Politik eine Unterordnung der Interessen der internationalen Arbeiterklasse unter die Interessen und Privilegien der stalinistischen Bürokratie.

Wie Trotzki 1928 prophetisch warnte, führt die These, der Sozialismus könne, solange eine fremde Aggression ausbliebe, allein in Russland aufgebaut werden, unweigerlich zu einer Politik der Zusammenarbeit mit der ausländischen Bourgeoisie, um eine Intervention zu verhindern.

Diese fundamentale Veränderung in der strategischen Achse des Parteiprogramms wurde von einer umfassenden Neubesetzung der Führung sowohl in der Komintern als auch in den nationalen Sektionen begleitet. Durch eine Reihe von Säuberungsaktionen, Ausschlüssen und politischen Coups schuf sich die Moskauer Bürokratie einen Mitarbeiterstab, der darin geübt war, eher die Verteidigung des sowjetischen Staates als die sozialistische Weltrevolution zu strategischen Achse zu machen.

Die UdSSR und die Weltwirtschaft

Die Differenzen über die Beziehung zwischen der Russischen Revolution und der Weltrevolution sind untrennbar mit den Konflikten verbunden, die schon zuvor in der Partei über ökonomische Fragen innerhalb der Sowjetunion selbst geführt wurden.

Die Führung unter Stalin passte sich pragmatisch an das zu dem Zeitpunkt gegebene Wachstum an, das durch die Neue Ökonomische Politik erzeugt worden war, und unterstütze die Aufrechterhaltung des Status Quo auch innerhalb der sowjetischen Grenzen, indem sie die Konzessionen an Bauern und private Händler fortführte und erweiterte.

Trotzki und die Linke Opposition hatten einen detaillierten Antrag zur Entwicklung der Schwerindustrie vorgelegt. Sie warnten, ohne ein Wachstum des industriellen Sektors bestehe eine ernste Gefahr, dass das Anwachsen kapitalistischer Beziehungen auf dem Lande die Grundlagen des Sozialismus untergraben könnte.

Vor allem wies Trotzki das Argument zurück, das zusammen mit der Theorie des "Sozialismus in einem Land" entwickelt worden war, dass nämlich die ökonomische Entwicklung der Sowjetunion irgendwie getrennt von der Weltwirtschaft und dem weltweiten Kampf zwischen Sozialismus und Kapitalismus vonstatten gehen könnte.

Bucharin hatte erklärt, dass man den Sozialismus zur Not im Schneckentempo aufbauen könne, während Stalin betonte, es sei nicht erforderlich, internationale Faktoren in die sozialistische Entwicklung einzubeziehen.

In der falschen stalinistischen Auffassung, die einzige Bedrohung des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion stelle eine Militärintervention dar, zeigt sich eine Ignoranz gegenüber dem enormen Druck, den der kapitalistische Markt auf die UdSSR ausübte.

Um diesem Druck zu entgehen, führte der Sowjetstaat das Außenhandelsmonopol ein. Das Monopol war zwar ein unverzichtbares Mittel zur Verteidigung der Sowjetwirtschaft, drückte aber nichtsdestotrotz die Abhängigkeit der Sowjetunion vom Weltmarkt und ihre relativen Schwäche gegenüber den großen kapitalistischen Mächten in Bezug auf die Arbeitsproduktivität aus. Es linderte zwar den Druck billiger Waren aus dem Westen, doch das Monopol konnte ihn dadurch noch lange nicht beseitigen.

Trotzki kämpfte für ein schnelleres Tempo industriellen Wachstums, um diesem Druck zu begegnen, und gleichzeitig lehnte er die Konzeption einer wirtschaftlichen Autarkie strikt ab. Die Entwicklung einer rein nationalen Planung, die der Beziehung zwischen der Sowjetwirtschaft und dem Weltmarkt keine Rechnung trug, war zum Scheitern verurteilt. Er bestand darauf, dass die UdSSR die internationale Arbeitsteilung zu ihrem Vorteil nutzen und Zugang zu der Technologie und den ökonomischen Ressourcen der entwickelten kapitalistischen Länder erhalten müsse, um ihre eigene Wirtschaft aufzubauen und zu stärken.

Der Versuch eine autarke "sozialistische" Wirtschaft zu entwickeln, die auf den Ressourcen des rückständigen Russland basierte, war nicht bloß wegen der Rückständigkeit Russlands zum Scheitern verurteilt, sondern auch weil dies einen Rückschritt gegenüber der vom Kapitalismus bereits entwickelten Weltwirtschaft darstellte. 1930 schrieb Trotzki in der Einleitung zur deutschen Auflage der Permanenten Revolution :

"Der Marxismus geht von der Weltwirtschaft aus nicht als einer Summe nationaler Teile, sondern als einer gewaltigen, selbständigen Realität, die durch internationale Arbeitsteilung und den Weltmarkt geschaffen wurde und in der gegenwärtigen Epoche über die nationalen Märkte herrscht. Die Produktivkräfte der kapitalistischen Gesellschaft sind längst über die nationalen Grenzen hinausgewachsen. Der imperialistische Krieg war eine der Äußerungen dieser Tatsache. Die sozialistische Gesellschaft muß in produktionstechnischer Hinsicht im Vergleich zu der kapitalistischen Gesellschaft ein höheres Stadium darstellen. Sich das Ziel zu stecken, eine national isolierte sozialistische Gesellschaft aufzubauen, bedeutet, trotz aller vorübergehenden Erfolge, die Produktivkräfte, sogar im Vergleich zum Kapitalismus, zurückzerren zu wollen. Der Versuch, unabhängig von den geographischen, kulturellen und historischen Bedingungen der Entwicklung des Landes, das einen Teil der Weltgesamtheit darstellt, eine in sich selbst abgeschlossene Proportionalität aller Wirtschaftszweige in nationalem Rahmen zu verwirklichen, bedeutet, einer reaktionären Utopie nachzujagen." [10]

Der Kampf der stalinistischen Führung zur Durchsetzung der Ideologie vom "Sozialismus in einem Land" nahm unweigerlich die Form eines bösartigen Kampfes gegen den "Trotzkismus" und insbesondere die Theorie der permanenten Revolution an.

In seiner Autobiografie "Mein Leben" erklärte Trotzki die politische Psychologie von dem, was er "die durch und durch philisterhafte, unwissende und einfach dumme Hetze gegen die Theorie der permanenten Revolution" nennt:

"Bei einer Flasche Wein oder auf dem Heimweg vom Ballett sprach ein selbstzufriedener Bürokrat zu dem anderen: ‚Der hat immer nur die permanente Revolution im Kopfe.’ Eng damit verbunden sind die Anschuldigungen wegen meiner Ungeselligkeit, wegen meines Individualismus, Aristokratismus und so weiter. ‚Aber doch nicht immer und nicht alles nur für die Revolution, man muß auch an sich denken’ - diese Stimmung wurde übersetzt mit: ‚Nieder mit der permanenten Revolution’ Der Widerstand gegen die theoretischen Ansprüche des Marxismus und die politischen Ansprüche der Revolution nahm für diese Menschen allmählich die Form des Kampfes gegen den ‚Trotzkismus’ an. Unter dieser Flagge vollzog sich die Entfesselung des Kleinbürgers im Bolschewik." [11]

Die Reaktion gegen den Oktober 1917

Die Kampagne gegen die Permanente Revolution war eine notwendige Folge des wachsenden Nationalismus innerhalb der Bolschewistischen Partei. Sie war zudem der Beginn einer Reaktion gegen die Oktoberrevolution, die auf der Grundlage dieser Theorie durchgeführt worden war.

Stalin und andere, die Trotzki im Jahre 1924 verurteilten, weil er nicht daran glaubte, dass in Russland der "Sozialismus in einem Land" aufgebaut werden könne, hatten ihn in den Jahren zwischen 1905 und 1917 als Utopisten verdammt, als er behauptet hatte, das russische Proletariat könne die Macht vor den Arbeitern in Westeuropa an sich nehmen. Damals beharrten sie gegenüber Trotzki darauf, dass Russland zu rückständig sei.

Trotzki hatte begriffen, dass der Charakter der Russischen Revolution letztlich nicht vom Entwicklungsstand der eigenen nationalen Wirtschaft, sondern vom Einfluss der Weltwirtschaft und ihrer internationalen Krise auf Russland bestimmt würde. In Ländern mit einer verspäteten kapitalistischen Entwicklung wie Russland machten es die Integration in die kapitalistische Weltwirtschaft und das Anwachsen der Arbeiterklasse der Bourgeoisie unmöglich, die Aufgaben zu erfüllen, die allgemein mit der bürgerlichen Revolution in Verbindung gebracht werden.

Trotzki fasste dies 1939 in einem Aufsatz mit dem Titel Drei Konzeptionen der russischen Revolution zusammen: "Der vollständige Sieg der demokratischen Revolution in Russland ist vorstellbar nur unter der Form der Diktatur des Proletariats, das sich auf die Bauernschaft stützt. Die Diktatur des Proletariats, die unvermeidlich nicht nur demokratische, sondern auch sozialistische Aufgaben auf die Tagesordnung setzt, wird gleichzeitig der internationalen sozialistischen Revolution einen starken Impuls verleihen. Nur der Sieg des Proletariats im Westen wird Russland vor der bürgerlichen Restauration schützen und ihm die Möglichkeit geben, den sozialistischen Aufbau bis zu Ende durchzuführen." [12]

Während die Führung unter Stalin die internationalistischen Grundlagen dieser Theorie - die durch die Erfahrung der Oktober Revolution bestätigt worden waren - ablehnte, stützte sie sich selbst auf einen formalen, nationalistischen Ansatz: Sie teilte die Welt in verschiedene Typen von Ländern auf, die sie danach unterschied, ob sie die angeblichen Voraussetzungen für den Aufbau des Sozialismus erfüllten oder nicht.

Trotzki bezeichnete diesen Ansatz als doppelt falsch. Er stellte heraus, dass die Entwicklung einer kapitalistischen Weltwirtschaft nicht nur die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse in den unterentwickelten Ländern auf die Tagesordnung setzte, sondern den Aufbau des Sozialismus innerhalb nationaler Grenzen auch in den entwickelten Ländern unmöglich machte.

Er schrieb: "Der Programmentwurf vergißt hier die Grundthese von der Unvereinbarkeit der gegenwärtigen Produktivkräfte mit den nationalen Grenzen, aus der folgt, daß hochentwickelte Produktivkräfte kein geringeres Hindernis für den Aufbau des Sozialismus in einem Land sind, als gering entwickelte, wenn auch aus entgegengesetzten Gründen. Letztere können ihrer Grundlage nicht genügen, ersteren reicht ihre Grundlage nicht aus." [13]

Mit anderen Worten: Den Kolonialländern fehlte es an der ökonomischen/industriellen Grundlage, während die kapitalistische Wirtschaft in den entwickelten kapitalistischen Ländern längst über die nationalen Grenzen hinaus gewachsen war. Großbritannien benötigte, wie Trotzki betonte, wegen der Entwickeltheit seiner Produktivkräfte die Rohstoffe und Märkte der gesamten Welt. Ein Versuch, Sozialismus auf einer Insel aufzubauen, würde unweigerlich zu einem irrationalen wirtschaftlichen Rückschritt führen.

"Sozialismus in einem Land" und China

Zwar erlaubt es die Zeit nicht, detailliert auf die Auswirkungen der Politik des "Sozialismus in einem Land" für die Sektionen der Kommunistischen Internationale einzugehen. Dennoch halte ich es für notwendig, wenn auch nur zusammenfassend, auf den Verrat an der chinesischen Revolution von 1925-1927 hinzuweisen. Dieser Verrat ereignete sich mitten im Kampf Trotzkis gegen Stalins rückschrittliche Theorie und stellte eine grauenvolle Bestätigung seiner Warnung dar, dass die Stalinschen Konzeptionen nur zu katastrophale Niederlagen für die internationale Arbeiterklasse führen konnten.

1930 beschrieb Trotzki diese "zweite" chinesische Revolution als das "größte Ereignis der modernen Geschichte nach der Russischen Revolution von 1917". Die aufkommende Welle revolutionärer Kämpfe der chinesischen Arbeiterklasse und Bauernschaft, das rapide Wachstum der chinesischen Kommunistischen Partei nach ihrer Gründung 1920 und ihre steigende politische Autorität boten der Sowjetunion die bis dahin günstigste Möglichkeit, ihre Isolation und Umzingelung zu durchbrechen.

Die Führung unter Stalin hatte jedoch die Permanente Revolution zurückgewiesen und die menschewistische "Zwei-Stufen-Theorie" für die Revolution in den kolonialen und halbkolonialen Ländern neubelebt, und bestand daher darauf, dass die chinesische Arbeiterklasse ihren Kampf der bürgerlich-nationalistischen Guomindang unter Tschiang Kaischek unterordnen müsse.

Gegen Trotzkis Widerstand wurde der Kommunistischen Partei Chinas befohlen, der Guomindang beizutreten und sich ihrer Organisationsdisziplin zu unterwerfen. Zur gleichen Zeit wurde Tschiang Kaischek mit nur einer Gegenstimme, nämlich der von Trotzki, zum Ehrenmitglied in das Exekutivkomitee der Komintern gewählt.

Die Stalin-Führung bezeichnete die Guomindang als "Block aus vier Klassen", der aus der Arbeiterklasse, der Bauernschaft, dem Kleinbürgertum und der nationalen Bourgeoisie bestehe.

Stalin vertrat die Position, dass China noch nicht reif für die sozialistische Revolution sei und es dem Land an dem "hinreichenden Minimum" der Entwicklung für den sozialistischen Aufbau mangele. Daher könne die Arbeiterklasse nicht um die politische Macht kämpfen.

Wie die Resolution der Komintern vom Februar 1928 erklärt: "Die gegenwärtige Periode der Umwälzung in China ist die Periode der bürgerlich-demokratischen Revolution, die weder vom wirtschaftlichen Standpunkt (Agrarrevolution und Vernichtung der Feudalverhältnisse), noch vom Standpunkt des nationalen Kampfes gegen den Imperialismus (Zusammenfassung Chinas zum Einheitsstaat und nationale Unabhängigkeit) noch vom Standpunkt der Klassennatur der Macht (Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft) ihren Abschluß gefunden hat." [14]

Trotzki machte deutlich, dass sich in der Resolution zu China die Position wiederfand, die von den Menschewiki und dem Großteil der bolschewistischen Führung - Stalin eingeschlossen - unmittelbar nach der Februarrevolution bezogen worden war. Damals hatten diese darauf bestanden, dass die Revolution nicht über die bürgerlich-demokratische Phase ihrer Entwicklung hinweg springen könne, und forderten daher, die Übergangsregierung bedingungslos zu unterstützen. Lenins Thesen vom April 1917, laut denen die wesentlichen Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution nur erfüllt werden konnten, wenn die Arbeiterklasse die Macht eroberte und ihre eigene Diktatur aufbaute, lehnten sie als "Trotzkismus" ab.

Die Führung unter Stalin vertrat die Auffassung, die imperialistische Unterdrückung Chinas - und auch aller anderen kolonialen und halbkolonialen Länder - schweiße sämtliche Klassen vom Proletariat bis zur Bourgeoisie im gemeinsamen Kampf gegen den Imperialismus zusammen und rechtfertige somit ihre Vereinigung in einer gemeinsamen Partei.

Dieser Auffassung hielt Trotzki entgegen, dass der Kampf gegen den Imperialismus, der sich zahlreicher Verbindungen zur nationalen Bourgeoisie erfreut, den Klassenkampf nur verstärken könne. "Der Kampf gegen den Imperialismus verlangt gerade wegen der ökonomischen und militärischen Stärke des Imperialismus die Anspannung aller Kräfte des gesamten chinesischen Volkes", schrieb er. "Doch alles, was die unterjochten und niedergehaltenen Massen der Werktätigen aktiviert, drängt die nationale Bourgeoisie Chinas unweigerlich in einen militärischen Block mit dem Imperialismus. Der Klassenkampf zwischen der Bourgeoisie und den Arbeiter- und Bauernmassen wird durch das imperialistische Joch nicht abgeschwächt, sondern verschärft sich bei jedem ernsteren Konflikt bis hin zum blutigen Bürgerkrieg." [15]

Stalin war in der Lage seine menschewistische Politik durchzusetzen - gegen den Willen der Kommunistischen Partei Chinas, der befohlen wurde, sowohl die Arbeiter in den Städten als auch die Agrarrevolution auf dem Land zurückzuhalten. Schließlich wurde sie angewiesen, ihre Waffen an die Armee Tschiang Kaischeks abzugeben. Das Ergebnis war ein Massaker an etwa 20.000 Kommunisten und Arbeiter am 12. April 1927 in Shanghai, das von eben dieser diese Armee ausgeführt wurde.

Daraufhin behauptete die Führung unter Stalin, das Massaker habe ihre Linie bestätigt und Tschiang vertrete nur die Bourgeoisie und nicht die "neun Zehntel" der Guomindang, die Arbeiter und Bauern ausmachten. Zu deren legitimen Führer wurde Wang Jingwei erklärt, der die "linke" Guomindang-Regierung in Wuhan führte und unter den sich die KP erneut unterordnen sollte. Im Juli 1927 wiederholte Wang das Massaker an Arbeitern und Kommunisten, nachdem er ein Abkommen mit Tschiang getroffen hatte.

Es sollte noch angemerkt werden, dass dieser Führer der "linken" Guomindang - von Stalin als Führer einer "revolutionär demokratischen Diktatur" bezeichnet - später zum Chef der Marionettenregierung der japanischen Besatzer in Nanking wurde.

Stalin versucht mehr schlecht als recht die katastrophalen Konsequenzen zu verschleiern, die der Opportunismus der Komintern in Shanghai und Wuhan verursacht hatte. Er erklärte, dass die chinesische Revolution ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hätte und hieß einen abenteuerlichen Aufstand in Kanton gut, der in einem weiteren Massaker endete. Das Ergebnis war die physische Vernichtung der Kommunistischen Partei Chinas und die Niederlage der aussichtsreichsten revolutionären Möglichkeiten seit 1917.

Der Opportunismus der stalinistischen Führung in Bezug auf China basierte auf der Auffassung, dass der Erfolg der Guomindang als Gegengewicht zum Imperialismus dienen und der Sowjetunion damit eine Atempause verschaffen könne, um den "Sozialismus in einem Land" aufzubauen. Die antimarxistische und opportunistische Politik in China entstand auf der nationalistischen Grundlage der Theorie vom "Sozialismus in einem Land". In Hinblick auf China bedeutete diese Methode, die nationale Revolution unabhängig von der Weltrevolution zu analysieren. Daraus ergab sich der Schluss, dass einerseits China für den Sozialismus unzureichend entwickelt sei und andererseits der nationalen Bourgeoisie und dem Nationalstaat selbst eine historisch fortschrittliche Rolle zukomme.

Trotzki wies beide Ansichten zurück und bestand darauf, dass sich der Charakter der chinesischen Revolution aus der weltweiten Entwicklung des Kapitalismus ergab. Wie 1917 in Russland ließ diese als einzige Möglichkeit, die nationalen und demokratischen Aufgaben zu lösen, die Machtübernahme durch die Arbeiterklasse zu.

Trotzkis Warnungen vor den Konsequenzen der Politik des "Sozialismus in einem Land" hatten sich bestätigt. Einige in der Linken Opposition glaubten, dies bedeute einen tödlichen Schlag für Stalin, doch Trotzki wies darauf hin, dass die objektiven Auswirkungen der Niederlage in China auf die Masse der sowjetischen Arbeiter nur eine Stärkung der Bürokratie sei. In Folge der Niederlage wurde Trotzki selbst im November 1927 aus der Partei ausgeschlossen und einige Monate später nach Alma Ata an die russisch-chinesische Grenze verbannt.

Die Durchsetzung von Stalins und Bucharins Perspektive des "Sozialismus in einem Land" und die damit verbundene Kampagne gegen die Permanente Revolution sowie die Unterdrückung von Trotzki und seinen Anhängern waren von großer politischer Bedeutung. Dies wurde auch von den klassenbewusstesten Teilen der internationalen Bourgeoisie sehr gut verstanden.

So veröffentlichte etwa die New York Times im Juni 1931 einen Sonderbericht ihres unsäglichen Moskau-Korrespondenten Walter Duranty, in dem es heißt: "Der wesentliche Charakterzug des ‚Stalinismus’, der ihn deutlich vom Leninismus abgrenzt, ist das offene Ziel, den Sozialismus in einem Land aufzubauen, ohne auf die Weltrevolution zu warten. Die Wichtigkeit dieses Dogmas, das das beherrschende Thema in den erbitterten Auseinandersetzungen mit Leo Trotzki war, kann nicht überschätzt werden. Es handelt sich um den stalinistischen ‚Slogan’ par excellence, der alle Kommunisten als Ketzer oder ‚Defätisten’ brandmarkt, die sich weigerten, ihn in Russland oder außerhalb anzuerkennen."

Duranty fährt fort: "Die Theorie der ‚Genügsamkeit des sowjetischen Sozialismus’, wie man sie vielleicht nennen kann, führt zu einer Abnahme des Interesses an der Weltrevolution - vielleicht nicht vorsätzlich, aber wohl durch die Umstände erzwungen. Die stalinistische Sozialisierung Russlands erfordert zwingend drei Dinge - jede Anstrengung und jedes Geld, dessen man habhaft werden kann, sowie Frieden. Das lässt dem Kreml keine Zeit, Geld oder Energie für ‚Rote Propaganda’ im Ausland, die im Übrigen ein wahrscheinlicher Grund für Krieg wäre und, da sie eine Kraft der sozialen Zerstörung ist, in verhängnisvollem Konflikt zum Fünfjahresplan steht, der eine Kraft des gesellschaftlichen Aufbaus ist."

Ähnlich kommentiert die französische Zeitung Le Temps zwei Jahre später: "Seit der Absetzung Trotzkis, der mit seiner Theorie der permanenten Revolution eine wirklich internationale Gefahr darstellte, blieben die Sowjetmachthaber unter dem Vorsitz Stalins bei ihrer Politik des Sozialismus in einem Land, ohne die fragwürdige Revolution im Rest der Welt zu erwarten." Das Blatt erteilte dann der herrschenden Klasse Frankreichs den Rat, die revolutionäre Rhetorik der stalinistischen Bürokratie nicht allzu ernst zu nehmen.

Trotzki schlug zu dieser Zeit vor, ein "Weißbuch" zu erstellen, das solche unterstützenden Worte für den "Sozialismus in einem Land" von Seiten der Bourgeoisie sammelt, und darüber hinaus ein "Gelbbuch", das die Sympathieerklärungen für diese Politik von Seiten der Sozialdemokratie auflistet.

Acht Jahrzehnte später können wir deutlich erkennen, welche Auswirkungen der Kampf zwischen der Theorie der Permanenten Revolution und des "Sozialismus in einem Land" hatte. Trotzkis präzise und vorausschauenden Warnungen, dass der Versuch, die sozialistische Entwicklung der Sowjetunion von den internationalen Entwicklungen und der Weltrevolution zu trennen nur in einer Katastrophe enden kann, haben sich durch die Neuaufteilung der Welt und die Verarmung der arbeitenden Bevölkerung in der ehemaligen UdSSR bestätigt.

Neben der Spaltung im Internationalen Komitee jährt sich in diesem Jahr auch zum zwanzigsten Mal die Einführung des Programms der Perestroika durch Michael Gorbatschow. Diese Politik vollendete den Verrat des Stalinismus an der Oktoberrevolution. Hinter ihrem pseudo-marxistischen Gerede betrachtete die Bürokratie den Sozialismus schon lange nicht mehr als Programm für den revolutionären Sturzes des Kapitalismus, sondern vielmehr als ein Mittel, eine nationale Wirtschaft zu entwickeln, die die Grundlage ihrer eigenen Privilegien bildete.

Um diese Privilegien zu verteidigen, schwenkte sie über zu einer Politik der kapitalistischen Restauration, die zu einer Katastrophe von welthistorischen Ausmaßen für die sowjetische Bevölkerung führte. Das deutlichste Zeichen hierfür ist die Bevölkerungsimplosion - in den letzten zehn Jahren ist die Bevölkerung Russlands um 9,5 Millionen Menschen gesunken, trotz der vielen tausend Russen, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken zurückgekehrt sind. Die Zahl der obdachlosen Kinder ist heute größer als in den schlimmsten Zeiten des Bürgerkriegs oder nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Auflösung der Sowjetunion durch die stalinistische Bürokratie - eine Reaktion auf den wachsenden Druck, den der global integrierte Kapitalismus auf die national isolierte Sowjetwirtschaft ausübte - bewies nicht das Scheitern des Sozialismus oder des Marxismus. Vielmehr war sie ein Beweis für die Untauglichkeit des Versuchs der stalinistischen Bürokratie, eine isolierte, autarke Nationalwirtschaft aufrecht zu erhalten - das heißt die Untauglichkeit der Perspektive des Sozialismus in einem Land.

Der Kampf Trotzkis gegen die Theorie des Sozialismus in einem Land stellt eine profunde Analyse der Gründe für die Reaktion gegen die Oktoberrevolution und ihrer Bedeutung für die internationale Arbeiterklasse dar. Im Verlauf dieses Kampfs hat er ein umfassendes Programm für den Aufbau der Weltpartei der sozialistischen Revolution erarbeitet.

Trotzkis Verteidigung der Permanenten Revolution und die grundsätzliche Überlegung, dass Weltwirtschaft und Weltpolitik die einzige objektive Basis für eine revolutionäre Strategie darstellen, bilden heute das theoretische Fundament der internationalen Perspektive des Internationalen Komitees der Vierten Internationale.

Anmerkungen:

[1] David North, Ein Beitrag zu einer Kritik von G. Healys "Studien im Dialektischen Materialismus", in: Vierte Internationale, Jg. 13, Nr. 2, Essen 1986, S. 24.

[2] Brief von David North an Mike Banda, 23. Januar 1984, in: ebd., S. 35.

[3] Brief von Cliff Slaughter an David North, 26. November 1985, in: ebd., S. 61.

[4] Brief des Politischen Komitees der Workers League ans Zentralkomitee der Workers Revolutionary Party, 11. Dezember 1985, in: ebd., S. 75.

[5] Leo Trotzki, Die Permanente Revolution, Essen 1993, S. 186.

[6] Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin, Essen 1993, S. 24f.

[7] Ebd., S. 26.

[8] Josef Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus (Version vom April 1924), zit. nach: Arthur Rosenberg, Geschichte des Bolschewismus, Frankfurt a.M. 1966, S. 224.

[9] Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus (Version ab Dezember 1924), in: Werke, Bd. 6, Berlin 1952, S. 95f.

[10] Trotzki, Die Permanente Revolution, Vorwort zur dt. Ausgabe, a.a.O., S. 39.

[11] Trotzki, Mein Leben. Versuch einer Autobiographie, Frankfurt a.M. 1974, S. 434.

[12] Trotzki, Drei Konzeptionen der russischen Revolution, in: ders., Stalin. Eine Biographie, Essen 2001, S.487f.

[13] Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin, a.a.O., S.74.

[14] Resolution des Februarplenums (1928) des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, in: Inprekorr 10. März 1928, zit. nach: Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin, a.a.O., S.189.

[15] Trotzki, Die chinesische Revolution und die Thesen des Genossen Stalin, in: ders., Schriften. Über China, Bd. 2.1, Hamburg 1990, S. 178f.