Vorstellung von „Warum sind sie wieder da?“ trifft in Australien auf große Resonanz

Von unserem Reporter
14. Dezember 2019

„Warum sind sie wieder da?“ von Christoph Vandreier, erschienen im Mehring Verlag, kann hier bestellt werden.

Ein volles Haus von etwa 100 Personen bei Gleebooks, einer führenden Buchhandlung in Sydney, bereitete dem australischen Start von „Why Are They Back?“ (Warum sind sie wieder da?) einen herzlichen Empfang. Christoph Vandreiers Werk liefert eine genaue Analyse der Faktoren, die das Wiederaufleben von Faschismus und Militarismus in Deutschland begünstigen.

Die Buchvorstellung am 9. Dezember war ein einmaliges politisches und intellektuelles Ereignis. Vandreier, der stellvertretende Vorsitzende der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP), wurde von David North, dem internationalen Redaktionsleiter der World Socialist Web Site und Vorsitzenden der Socialist Equality Party (SEP) in den Vereinigten Staaten, vorgestellt.

Linda Tenenbaum, David North und Christoph Vandreier

North ist selbst Autor von „Das Erbe, das wir verteidigen“, „Verteidigung Leo Trotzkis“ und „Die Russische Revolution und das unvollendete Zwanzigste Jahrhundert“, nebst zahlreichen weiteren Werken. Seit 45 Jahren nimmt er eine herausragende Stellung in der internationalen sozialistischen Bewegung ein. Was Vandreier betrifft, so engagiert er sich seit Jahren an der Aufdeckung und Bekämpfung der faschistischen Elemente, die in Europa wieder das Haupt erheben. Dabei geht es auch um die Entlarvung der Versuche prominenter Professoren, das Dritte Reich und seine Verbrechen zu relativieren und zu rechtfertigen.

North und Vandreier führten auf dem Podium eine Stunde lang einen Dialog, bei dem sie auch Fragen der Teilnehmer beantworteten. Im Namen von Mehring Books, dem internationalen Verlag für marxistische und sozialistische Literatur, leitete Linda Tenenbaum die Diskussion. Sie erklärte, dass North und Vandreier einen weiten Weg zurückgelegt hätten, um dieses wichtige Werk in Australien vorzustellen. Zuvor sei es bereits in Deutschland, London und mehreren US-amerikanischen Städten sehr erfolgreich vorgestellt worden.

Zu Beginn erklärte North zunächst die Entstehungsgeschichte des Buches, die auf einige außergewöhnliche Ereignisse im Februar 2014 zurückgeht. Jörg Baberowski, Geschichtsprofessor an der renommierten Berliner Humboldt-Universität (HU), hatte Robert Service, den britischen Historiker und Autor einer böswilligen, diskreditierten Biographie über Leo Trotzki, zu einem öffentlichen Kolloquium an der Universität eingeladen.

David North

Baberowski untersagte jedoch North die Teilnahme am Kolloquium, wie auch mehreren weiteren Historikern und HU-Studenten. Sie hatten beabsichtigt, Service einige Fragen zu stellen. North hatte zuvor die Fälschungen in Services Buch ausführlich dokumentiert, was einen offenen Brief prominenter Historiker ausgelöst hatte, die sich gegen die Entscheidung des Suhrkamp-Verlages wandten, das Buch auf Deutsch herauszubringen.

Am selben Tag, an dem er North vom Kolloquium ausschloss, erklärte Baberowski im Magazin Der Spiegel seine Unterstützung für den längst diskreditierten NS-Apologeten Ernst Nolte und stellte gleich mehrere Lügen auf: Hitler sei kein Psychopath und auch nicht grausam gewesen, er habe nicht gewollt, dass an seinem Tisch über die Judenvernichtung gesprochen werde.

Wie North erklärte, ist Vandreiers Buch aus einer Diskussion über die Frage hervorgegangen: Welche politische Logik steckt hinter einem solchen Versuch, die Barbarei des NS-Regimes zu verharmlosen? Welche Bedeutung hat die Tatsache, dass er unter den deutschen Medien und politischen wie akademischen Einrichtungen nicht ein einziges Wort des Protestes hervorgerufen hat?

In seinen Ausführungen betonte North, dass der Antwort in Vandreiers Buch auf diese Geschichtsfälschungen große Bedeutung zukomme. Er erinnerte an wichtige frühere Fälle, bei denen ebensolche Fälschungen aufgedeckt worden waren. Dies war zum Beispiel der Fall bei den Verratsvorwürfen von 1894 gegen den französischen Militäroffizier Alfred Dreyfus, aber auch in Bezug auf die antisemitischen „Protokolle der Weisen von Zion“, die stalinistischen Moskauer Prozesse und in jüngerer Zeit die Behauptung der „Massenvernichtungswaffen“ im Irak, die zur Rechtfertigung der kriminellen Invasion von 2003 herhalten musste. Aktuell treffe dies auch auf den Fall von Julian Assange zu, den inhaftierten WikiLeaks-Gründer, der als „Vergewaltiger“ verleumdet wurde.

Zu Beginn seines Gesprächs mit Vandreier bat North den Autoren, etwas über das politische Klima zu sagen, das dazu geführt hat, dass die herrschende Klasse vollkommenes Schweigen über Baberowskis Faschismus-Rechtfertigung bewahrt. Vandreier antwortete, dass der Aufstieg der Rechtsextremen eine „grundlegende Hinwendung der gesamten herrschenden Elite zu autoritärer Herrschaft“ darstelle. Dieses Phänomen sei nicht nur in Deutschland, sondern auch international zu beobachten.

Die neofaschistische Alternative für Deutschland (AfD) habe zwar keine wirkliche Massenunterstützung, sagte Vandreier. Allerdings setze die Große Koalition von Christdemokraten und Sozialdemokraten in Berlin im Prinzip die Politik der AfD um. Sie habe die Militärausgaben verdreifacht, Konzentrationslager für Flüchtlinge eingerichtet und eine massive Vernichtung von Arbeitsplätzen, vor allem in der Autoindustrie, ermöglicht.

Wie Vandreier erklärte, ist die Politik des Militarismus und der sozialen Ungleichheit in Deutschland allgemein verhasst. Die große Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung sage dazu: „Nie wieder!“

Christoph Vandreier

Um dieses Thema weiter zu vertiefen, verwies North auf das Titelbild von „Warum sind sie wieder da?“ Es zeigt die berühmte Fotomontage von John Heartfield aus den 1930er Jahren. Sie stellt den deutschen Industriellen Fritz Thyssen dar, wie er Hitler als Marionette manipuliert. North bat Vandreier, auf ein Hauptthema in dem Buch einzugehen: Es heiße dort, dass die Wiederbelebung des Faschismus nicht das Resultat einer spontanen Massenbewegung „von unten“, sondern einer „Verschwörung von oben“ sei.

Wie Vandreier erklärte, verfügte die NSDAP im Jahr 1933, als die herrschende Klasse Hitler durch eine „Verschwörung an der Spitze des Staates“ zum Kanzler ernannte, tatsächlich über eine Massenbasis. Doch heute sei die Situation ganz anders. Der größte Teil der Bevölkerung lehne die AfD prinzipiell ab, was sich in Demonstrationen von Hunderttausenden von Menschen widerspiegele. Die Regierungsparteien hätten jedoch die AfD zur offiziellen Opposition gemacht und ihr wichtige Positionen im Parlament übertragen.

In dem Zusammenhang bat North Vandreier, über die Reaktion von Studierenden auf die Entlarvung Baberowskis und anderer rechter Akademiker durch die SGP und die IYSSE zu sprechen. Vandreier schilderte, wie schockiert die Studierenden auf Baberowskis Äußerungen reagiert hatten. Zu den Versammlungen der IYSSE kämen viele, um sich der Haltung der Uni-Leitung, der Medien und der Parteien zu widersetzen. Diese verurteilten die SGP und die Studierenden, weil sie Widerstand gegen die rechten Wissenschaftler leisten.

Christoph Vandreier bei Diskussionen über sein Buch

Vandreier und North wandten sich darauf einem „wesentlichen Element der staatlichen Reaktion“ zu: dem deutschen Verfassungsschutz und seiner Entscheidung, die SGP auf die Liste von „linksextremistischen“ Organisationen zu setzen, die überwacht werden sollten. Dies lasse verfassungswidrige Überwachungsmethoden gegen die SGP zu, wie zum Beispiel das Abhören von Telefonen und Wohnungen. Wie Vandreier berichtete, hat die SGP juristische Schritte gegen diese undemokratischen Maßnahmen eingeleitet. Darauf habe die Regierung eine ausführliche Klageerwiderung vorgelegt, die „im Grunde ein faschistisches Dokument“ darstelle, so Vandreier. In dem Text werde behauptet, dass sozialistische Ideen an sich schon verfassungswidrig seien. North präzisierte, dass diese Klageerwiderung an keiner Stelle behaupte, die SGP habe sich kriminell verhalten, sondern sie versuche, „sozialistische Ideen zu kriminalisieren“.

Auf die Frage eines Teilnehmers im Publikum, welchen Stellenwert die Rückkehr des Faschismus in Deutschland einnehme, antwortete North, dass dieses Phänomen nicht allein auf Deutschland beschränkt sei. „Wir sehen auf der ganzen Welt das Wiederaufleben des rechten Flügels“, sagte er und nannte die Beispiele von Trump in den USA, Duterte auf den Philippinen, Bolsonaro in Brasilien und die Regierungen Ungarns und Polens.

„Die Frage ist: Warum?“ sagte North. In erster Linie sei zu beobachten, dass die so genannte Linke, die „Pseudolinke“, praktisch keinen Widerstand gegen Militarismus und soziale Ungleichheit leiste. Dies ermögliche es den Rechtsextremen, sich auf populistische Weise als Gegner des Establishments zu präsentieren.

Wie North erklärte, drückt sich in den Massenkämpfen, die jetzt rund um die Welt ausbrechen, ein politischer Wandel aus. Aber der entscheidende Faktor sei die intellektuelle und politische Rolle, die den Marxisten zukommt, der Sozialistischen Gleichheitspartei und ihren Schwesterparteien im Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI). Sie müssten dieser Bewegung eine klare Perspektive geben.

Zum Schluss forderte er die Teilnehmer auf, „die politischen Schlussfolgerungen zu ziehen und in der SEP aktiv zu werden“.