Humboldt-Universität: Studierende sprechen über Geschichtsfälschung und die Lehren aus Auschwitz

Von unseren Reportern
29. Januar 2020

Im Rahmen ihrer Wahlkampagne zu den StuPa-Wahlen der Humboldt-Universität zu Berlin verteilten Mitglieder und Unterstützer der IYSSE den Artikel „75 Jahre seit der Befreiung von Auschwitz“ als Flugblatt zur Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz vor 75 Jahren. Sie sprachen mit Studierenden über die Versuche rechter Ideologen, die Geschichte der Nazi-Diktatur zu fälschen und rechtsextreme Positionen wieder salonfähig zu machen.

So hatte Professor Jörg Baberowski, der an der HU Geschichte Osteuropas lehrt, schon 2014 gegenüber dem Spiegel erklärt, Hitler sei „nicht grausam“. Nun hat ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit der Behauptung zitiert, Hitler habe nichts von Auschwitz wissen wollen.

Pauline

Pauline, die außerhalb des Berliner Stadtzentrums am naturwissenschaftlichen Campus der Humboldt-Universität studiert, erklärte:

„Ich glaube wir müssen alles dafür tun, damit sich so etwas nie wieder wiederholt. Ich war im KZ Buchenwald bei Weimar und habe gesehen, wie Menschen dort eingesperrt waren. Bis zu sechs Menschen wurden in ein schmales Bett gezwängt, die Bedingungen waren unvorstellbar. Den Neuankömmlingen wurde von den Nazis gesagt, der einzige Weg nach draußen führe durch den Schornstein der Anlage.

Juden wurden damals zu Sündenböcken erklärt. Jetzt sucht man erneut nach Sündenböcken für die Krisen, die auf der ganzen Welt aufbrechen.

Dass Hitler nichts von Auschwitz habe wissen wollen, ist das alte Argument der Rechtsextremisten. Und heute wird es von Professoren unserer Universität vertreten. Ich finde es unverständlich, dass das Präsidium der Humboldt-Universität diesen Aussagen nicht entgegentritt. In manchen Englisch-Vorlesungen müssen Klausuren mittlerweile randomisiert und anonymisiert werden, weil sonst nicht sichergestellt ist, dass AfD-nahe Professoren ihre Studierenden fair und unvoreingenommen bewerten.“

Ylva

Ylva berichtete:

„Ich war in der zehnten Klasse im KZ Buchenwald, als wir das im Geschichtsunterricht behandelt haben. Es war wirklich bedrückend. Wir sind durch den Keller gegangen, in dem die Leichen zwischengelagert wurden, bevor sie verbrannt wurden. Ich habe kürzlich eine Reportage über Menschen gesehen, die dort, in Buchenwald, geboren wurden. Die älteren Damen, die von ihrem Schicksal berichteten, haben mich sehr beeindruckt. Meine Großeltern kamen aus dem damaligen Ostpreußen. Ich glaube, sie haben nie wirklich verarbeitet, was damals passiert ist.

Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die von damals berichten können. Ich habe die Befürchtung, dass diese Fragen mit der Zeit immer weiter heruntergespielt werden. Ich hoffe, das wird nicht wahr. Aber wenn ein Politiker wie Gauland die Nazi-Diktatur als ‚Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte‘ bezeichnet, dann muss man sich fragen, was Gauland für eine ‚erfolgreiche Geschichte‘ hält. Wenn ein Politiker das ohne Konsequenzen sagen kann, macht mich das wütend. Das ist für Deutschland eine große Peinlichkeit.

Zusammenhänge mit unserer heutigen Zeit gibt es durchaus. Damals wie heute wurden Kriegspropaganda und Nationalismus verbreitet. Ich denke nicht, dass Menschen von Grund auf böse sind. Aber wenn in einer Gesellschaft Probleme auftreten, die nicht bewältigt werden, kann es sein, dass Leute sich Kräften zuwenden, die die Propaganda der Regierung ihnen vorsetzt. Diese Parteien haben aber in aller Regel keine Lösungen, sondern präsentieren der Bevölkerung nur Sündenböcke.

Ich will mich im Jahr 2020 mehr im Kampf gegen rechts einbringen. Zum Beispiel habe ich mir vorgenommen, regelmäßig zu euren Veranstaltungen zu kommen.“

Floris

Floris studiert Philosophie und Mathematik und trainiert neben seinem Studium eine Jugend-Fußballmannschaft.

„Ich erinnere mich an einen Besuch im KZ Sachsenhausen. Wir haben die Schlaflager und die Versammlungsorte gesehen und ein Massengrab. Es war bedrückend und angsteinflößend. Die Geschichten, die uns die Museumsleiter erzählten, waren grauenhaft. Morgens mussten sich alle Insassen auf einem Stück Wiese versammeln und in Reih‘ und Glied aufstellen. Dann wurden ihre Sachen vor ihnen in den Schmutz geworfen. Wer sich danach bückte, wurde rücklings erschossen. Die anderen wurden misshandelt. Der ganze Umgang mit den Leuten war extrem unmenschlich.

Ein Teil meiner Familie ist jüdischer Herkunft. Mein Ururgroßvater hat damals den Namen seiner Familie geändert, um Problemen zu entgehen und nicht als Jude erkannt zu werden.“

Mit Blick auf die Verbindungen zwischen Kapital und Faschismus meint Floris: „In Auschwitz und den anderen KZs hat eine Art von Versklavung geherrscht. Jede Form von Sklaverei ist menschenverachtend und unmenschlich. Diese Art von Zwangsarbeit sollte niemand erfahren.“

Die Konzerne Bayer, BASF und Höchst AG gehörten damals zu dem Industriekonglomerat IG Farben, das mit Auschwitz III ein eigenes Lager betrieb.

„Auch im Kapitalismus ist es so, dass Menschen ausgebeutet werden“, erklärt Floris. „In unserer Gesellschaft wurde oft gesagt, wer mehr Geld habe, solle auch mehr Verantwortung tragen und etwas zurückgeben an diejenigen, denen es nicht so gut geht. Das ist de facto nicht der Fall. Die Reichen genießen zwar alle Vorteile ihres Geldes, aber schieben die Verantwortung für ihr Tun auf andere. Das hat die Finanzkrise gezeigt.

Heute erklären die Rechten, die Flüchtlinge würden unsere Arbeitsplätze gefährden. Ich sehe das nicht so. Es ist nun einmal so, dass der Klimawandel weite Teile der Erde unbewohnbar macht. Diese Menschen müssen irgendwo leben können.

Ohnehin wurde die sogenannte ‚Flüchtlingskrise‘ von den Industrieländern verursacht, durch ihren Kohlenstoffausstoß, ihre Transporte und die Waffenexporte, die gleich doppelt überflüssig sind. Sie wurde durch die Verhältnisse geschaffen, die von den Mächtigen und den Industrieländern in diesen Regionen angerichtet wurden – von dem Gegensatz zwischen arm und reich, der viele Menschen zur Flucht gedrängt hat.

Ich bin nicht der Meinung, dass wir das Militär aufstocken sollten. Ich wüsste nicht, warum man mehr Geld in Waffen stecken sollte. Unsere ‚Verantwortung‘ in der Weltpolitik sehe ich ganz woanders, beispielsweise beim Klima. Unsere Waffenexporte verschärfen viel mehr die Kriegsgefahr.“

Auf Professor Baberowskis Aussagen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung angesprochen, sagt Floris: „Dass Hitler von Auschwitz nichts habe wissen wollen, kann ich mir nicht vorstellen. Jeder Professor und jede Lehrkraft an allen Unis und Schulen sollte als Lehrauftrag haben, die Wahrheit zu vermitteln – nach bestem Wissen und Gewissen. Jeder, der die Verbrechen der Nazis verharmlost, ist meiner Meinung nach absolut ignorant gegenüber dem, was Generationen von Historikern erforscht haben.“

Demet

Demet hatte Auschwitz bereits im Jahr 2008 besucht.

„Ich erinnere mich noch sehr gut an die Baracken dort – die Puppen und Spielzeuge der Kinder, die ausgeschlagenen Zähne, die Habseligkeiten der Ermordeten – es war schockierend zu sehen, was Menschen anderen Menschen angetan haben. Ich habe weinen müssen, als ich daran dachte, dass Kinder durch diese Hölle gegangen sind, dass Familien hier auseinandergerissen wurden. Ich kann das sehr gut nachfühlen und es weckt in mir Erinnerungen an das Leid, das Kurden, Flüchtlingen und vielen anderen heute widerfährt.

Auschwitz lehrt uns, dass wir aufhören müssen, in den Nationalitäten und Religionen anderer Menschen Fehler zu suchen, und vor allem, dass wir Krieg verhindern müssen. Es ist unbeschreiblich, zu welchem Leid das führt.

Jemand mit Positionen wie denen, die Professor Baberowski vertritt, sollte an einer Universität eigentlich nicht lehren dürfen. Es besteht sonst die Gefahr, dass junge Menschen sich manipulieren lassen. Ich finde es krass, dass solche Haltungen in Deutschland offenbar widerspruchslos geäußert werden können. Anscheinend hat Deutschland doch nicht so viel aus seiner Vergangenheit gelernt, wie führende Politiker gerne behaupten.

Die AfD stößt mit ihrer Demagogie in ein politisches Vakuum und versucht, rückständige und fremdenfeindliche Stimmungen zu schüren. Die reißerische Berichterstattung der Medien verschärft das noch. Rechtsextreme Kräfte wie die AfD versuchen dann, von diesen Stimmungen zu profitieren.“

Ob sie einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus sehe?

„Absolut. Wo Geld zu holen ist, herrscht immer Krieg. Deutschland hat sich lange als Land dargestellt, das für Flüchtlinge offen ist, obwohl es zum Beispiel mit dem Export deutscher Waffen in Kriegsgebiete selbst für die Fluchtbewegungen mitverantwortlich ist. Wenn dann hingegen ein Migrant einen Fehler begeht, wird das sofort zu einem großen Thema aufgebauscht. Man sucht nur nach einem Grund, sie wieder hinaus zu kriegen.“

Den zunehmenden rechten Terror der vergangenen Jahre beobachtet Demet mit Besorgnis und Argwohn.

„Man sollte nicht so naiv sein zu glauben, dass der deutsche Staat von alledem nichts weiß. Ich glaube, diese Verbrechen werden teilweise bewusst zugelassen oder gefördert, vielleicht auch um kapitalistische Ziele zu verfolgen. Der Staatsapparat weiß über viele Dinge Bescheid und duldet das auch einfach oft, glaube ich. In viele dieser Terroranschläge ist der Staat selbst verstrickt gewesen.“

Elif studiert Chemie am Campus Adlershof der Humboldt-Universität und beschäftigt sich schon seit längerer Zeit eingehend mit der Geschichte des Holocaust.

„Ich bin seit einigen Jahren politisch aktiv und habe Bildungsreisen nach Italien, Polen und andere Länder unternommen, um dort mit Holocaust-Überlebenden und alten Partisanen zu sprechen. Im Jahr 2019 war ich in Krakau, um dort die jüdische Stadtgeschichte zu studieren, und habe in diesem Rahmen auch das KZ Auschwitz besucht. Diese Erfahrung hat alles, was ich schon wusste, noch einmal verbildlicht und hat mich sehr berührt.

Im Rechtsruck auf der ganzen Welt sehe ich eine sehr große Gefahr. Es ist erschreckend, wie wenig gegen diese Gefahr getan wird, obwohl es doch in vielen Ländern eine immer stärker werdende Jugendbewegung gibt.“

Rechte und rechtsextreme Professoren wie Jörg Baberowski seien kein Einzelfall. „In Wien, Hamburg und vielen anderen Städten gibt es große Proteste gegen Professoren, die wirklich erschreckende Standpunkte vertreten. Es ist besonders wichtig, sich auch hier ihnen entgegenzustellen und ihrer Hetze keinen Raum zu bieten.

Die ganze Rechtsentwicklung weltweit ist empörend. Die Grenze des Sagbaren hat sich verschoben, damit geht die Normalisierung rechten Gedankenguts einher. Das spiegelt sich meiner Meinung nach in dem Terror der letzten Zeit wider. Die Angriffe auf öffentliche Personen sind eine direkte Bedrohung für uns alle, die nicht dem menschenfeindlichen Idealbild der Rechten entsprechen.

Kapitalismus, Rassismus und Antisemitismus sind große Probleme, deren Verbindung nicht übersehen werden darf. Faschistoide Bewegungen bieten einfache Lösungen für Fragen, die sehr vielschichtig sind. Der Faschismus baut darauf auf, von den eigentlichen Problemen des Kapitalismus abzulenken und die Wut der Menschen von den Ursachen wegzulenken und auf einen Sündenbock abzuschieben. Kapitalismus und Faschismus bedingen sich gegenseitig.“

Die Wahlen zum Studierendenparlament der Humboldt-Universität finden am Mittwoch und Donnerstag, den 29. und 30. Januar statt. Wichtige Infos, vor allem die Orte der Wahllokale, finden sich hier. Infos zur IYSSE (Liste 12) sind hier.