Lateinamerika: Covid-19-Fälle innerhalb eines Monats verdreifacht

27. Juni 2020

Derzeit breitet sich die Lungenkrankheit Covid-19 am schnellsten in Nord-, Mittel- und Südamerika aus. Das gab die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Mittwoch bekannt. Rund die Hälfte der weltweit bestätigten 9,6 Millionen Infektionen entfallen auf den Doppelkontinenten, obwohl dort weniger als 13 Prozent der Weltbevölkerung leben.

Auf einer Pressekonferenz erklärte Dr. Carissa Etienne, Direktorin der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO, der WHO-Abteilung beider Amerika), dass sich die Fälle innerhalb eines Monats verdreifacht hätten. In ganz Lateinamerika und der Karibik sei die Zahl der Infektionen von 690.000 auf 2,1 Millionen Fälle angestiegen. In den Vereinigten Staaten stieg die Zahl der Infektionen in dieser Zeit um 46 Prozent auf 2,4 Millionen Fälle an; das ist der höchste Anstieg weltweit.

Am selben Tag überschritt die Zahl der Coronavirus-Todesfälle in Lateinamerika und der Karibik die düstere Marke von 100.000 – eine Verdopplung im Vergleich zum Vormonat. Das Virus hat damit weltweit fast 490.000 Menschenleben gefordert.

Erst kürzlich wurden für Brasilien die weltweit höchsten Zahlen täglicher Neuinfektionen und Todesfälle gemeldet. Am Mittwoch verzeichnete das größte Land Lateinamerikas 1.185 Todesfälle und 42.725 Infizierte. Die Gesamtzahl der Todesfälle durch das Coronavirus liegt bei 53.830 sowie insgesamt 1,19 Millionen Ansteckungen. Auch in anderen Ländern der Region steigen die Todesfälle täglich an, wobei der höchste Anstieg in Chile, Peru und Mexiko zu verzeichnen ist.

Dr. Etienne ergänzte, dass es in Mittelamerika zum ersten Mal zu einer „großflächigen Übertragung“ des Virus gekommen sei. Die Anzahl der Infizierten stieg innerhalb einer Woche um 28 Prozent auf fast 60.000, die Todesfälle um 22 Prozent auf 1.564. In der Karibik kam es in den Nachbarländern Haiti und der Dominikanische Republik zu großen Ausbrüchen der Krankheit.

Durch die Wiedereröffnung der Wirtschaft auf dem gesamten Doppelkontinent verbreitet sich das Coronavirus mit rasender Geschwindigkeit. Die Arbeiter sollen so schnell wie möglich zurück in die Fabriken, um die Produktion zu steigern und das globale Finanzkapital anzulocken. Die Finanzoligarchie sucht weltweit nach Möglichkeiten, um die Arbeiterklasse für die Billionen schweren Rettungspakte, die die Regierungen in Nordamerika und Europa auf den Weg gebracht haben, bezahlen zu lassen.

Am deutlichste verkörpert Brasiliens faschistischer Präsident Jair Bolsonaro diese Politik. Er beharrt darauf, dass Covid-19 eine „handelsübliche Grippe“ sei. In der gesamten Region fahren Regierungen systematisch die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus herunter. Ihre Politik dient ausschließlich den Profitinteressen der kapitalistischen Eliten und soll deren Reichtum in einer Region verteidigen, welche die größten sozialen Missstände der Welt aufweist.

In Mexiko werden bereits 200.000 Infizierte sowie 25.000 Todesfälle gemeldet. Dort ruft der angeblich „linke“ Präsident Andrés Manuel López Obrador die Bevölkerung dazu auf, „Himmel, Sonne und frische Luft zu genießen“.

Als Folge einer solchen Politik des Klassenkriegs nehmen die Fallzahlen in den ärmsten Vierteln rasant zu, wo die Menschen dicht an dicht leben und einen nur eingeschränkten Zugang zu Trinkwasser, Gesundheitsversorgung, Lebensmitteln, Energie und sanitären Einrichtungen haben. Besonders hier werden Infektionen und Todesfälle statistisch oft gar nicht erfasst.

Eine am Mittwoch vom Forbes Magazine veröffentlichte Analyse ergab, dass in Mexiko-Stadt, dem Epizentrum der Pandemie in Mexiko, „die am schlimmsten betroffenen Gebiete die Bezirke Iztapalapa, Ciudad Neza und Ecatepec sind“; das seien auch „die am stärksten bevölkerten Bezirke, in denen die Menschen das niedrigste Einkommen haben“. Nahezu 8 von 10 Patienten, die in Mexiko-Stadt gestorben sind, wurden nie an ein Beatmungsgerät angeschlossen.

In Argentinien verfügte Präsident Alberto Fernández am Donnerstag die Aufhebung der verpflichtenden Quarantäne für einen Großteil des Landes. Mehr als 42 Prozent der zwei Millionen mit Covid-19 Infizierten leben in Elendssiedlungen, wo sich auch die aktuellsten Ausbrüche ereignet haben.

Die PAHO und die Experten für Epidemiologie warnen vor einer Situation, in der man Arbeitern jegliche finanzielle Unterstützung streicht und sie damit zwingt, an die Arbeit zurückzukehren. Gleiches gilt für hunderte Millionen Arbeiter, die auf den sogenannten informellen Sektor angewiesen sind, der durch die Krise stark eingebrochen ist.

Am Mittwoch äußerte Dr. Etienne ihre bisher drastischste Warnung: „Wir werden diese Krise nicht überwinden, wenn wir uns nicht um die Bedürfnisse der Schwächsten kümmern: all derjenigen, die einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind und am wenigsten medizinische Pflege erhalten. Dazu zählen die indigenen Völker, die Nachkommen der Afroamerikaner, die städtischen Armen und Migranten. Wenn wir sie vernachlässigen besteht die Gefahr, dass es in den nächsten zwei Jahren genauso weitergeht wie in den vergangenen Monaten.“

Dr. Etienne machte deutlich, dass eine „Früherkennung von Verdachtsfällen, Tests, Kontaktverfolgung und Quarantäne als Grundlage einer gezielten und nachhaltigen Strategie zur Kontrolle von Covid-19“ unumgänglich sei. Sie fügte hinzu, dass „das Risiko von erneuten, großflächigen Ausbrüchen weiterhin bestehen [wird], wenn die Kurve nicht regional und global abgeflacht wird“.

Epidemiologen der Santiago-Universität in Chile haben am Donnerstag die Warnungen der PAHO aufgegriffen und die landesweiten Quarantänemaßnahmen kritisiert. Dr. Angélica Verdugo sagte: „Das vorrangige Problem sind die ungleichen Quarantänebedingungen … Wenn nur 57 Prozent … der Betroffenen Unterstützung in Form von Geld oder Nahrungsmitteln erhalten, bedeutet das, dass Quarantänemaßnahmen nicht befolgt werden können, weil eine Nahrungsmittelunsicherheit besteht.“

Dr. Verdugo prangerte auch den wirtschaftlichen Druck an, der die Arbeiter dazu zwingt, an nicht systemrelevante Arbeitsplätze zurückzukehren. „Und diejenigen, die dazu gezwungen sind, wieder an die Arbeit zu gehen, sind die Ärmsten mit den knappsten Ressourcen“, sagte sie.

Doch die Vorgaben der Gesundheitsexperten stoßen bei der herrschenden Elite auf taube Ohren.

In einigen Regionen werden die Lockdowns durch farbig markierte Karten und „Warnsignale“ ersetzt, die verschiedene Einschränkungen ankündigen. In einigen Ländern in Lateinamerika bleiben Distanzierungsmaßnahmen gänzlich aus. Regierungsbeamte behaupten zuweilen, ihre Entscheidungen beruhten auf nicht veröffentlichten „epidemiologischen Berichten“, und sie rechtfertigen die Wiederöffnung der Wirtschaft mit dem Schutz der „produktiven Lebensbereiche“ und der „wirtschaftlichen Entwicklung“ – ungeachtet der steigenden Zahl an Todesfällen, die eine solche Politik kostet.

Die sozialen Bedingungen, die der sozialen Katastrophe in ganz Lateinamerika zugrunde liegen, sind das Produkt eines Jahrhunderts, in dem der US-amerikanische und europäische Imperialismus die Ressourcen und Arbeitskräfte der Region ausgeplündert haben. Dessen ungeachtet ordnen die politischen Kräfte der Region das soziale und wirtschaftliche Leben weiterhin dem Wettbewerb um Investitionen und Märkte unter. Das gilt gleichermaßen für das faschistische Regime in Brasilien und die rechten Regierungen in Kolumbien, Chile und Bolivien, wie auch für die „linken“ nationalistischen Regierungen in Argentinien, Mexiko und Venezuela.

Die herrschende Klasse versucht, aus der Pandemie Kapital zu schlagen. Sie beschleunigt ihren Übergang zur Diktatur, um die Ausbeutung der Arbeiter zu verschärfen. Die sozialen Spannungen, die im vergangenen Jahr in ganz Lateinamerika – besonders aber in Chile, Ecuador und Bolivien – zu Massenprotesten geführt haben, spitzen sich weiter zu. Die Reaktion der herrschenden Klasse auf die Pandemie und allen voran die Back-to-Work-Kampagne lassen den Klassenkampf weiter anschwellen.

Erste Anzeichen des wachsenden Widerstands sind die wilden Streiks in den Maquiladoras entlang der mexikanischen Grenze zu den USA, die Arbeitsniederlegungen von Transportarbeitern in Peru, sowie anhaltende Proteste von Pflegekräften in der gesamten Region, die angemessene Schutzausrüstungen für ihre Arbeit fordern.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) schrieb in seiner kürzlich veröffentlichten Erklärung: „Alle Maßnahmen, die erforderlich sind, um das Virus zu stoppen – Einstellung der nicht lebensnotwendigen Produktion, Quarantäne, Massentests und Kontaktverfolgung – laufen den Profitinteressen der herrschenden Klasse zuwider. Um alle, die von diesen Maßnahmen betroffen sind, zu unterstützen, ist eine massive Umverteilung der gesellschaftlichen Ressourcen erforderlich.“

Mit anderen Worten: Die einzige gesellschaftliche Kraft, die den notwendigen Kampf gegen die Pandemie entschlossen führen kann, ist die internationale Arbeiterklasse. Es ist zugleich ein Kampf gegen den Kapitalismus und für die Umwandlung der Weltwirtschaft auf sozialistischer Grundlage. Dieser Kampf erfordert den Aufbau von Sektionen des IKVI in allen Ländern Lateinamerikas und auf der ganzen Welt.

Siehe auch:

Internationales Komitee der Vierten Internationale:
„Für ein internationales Vorgehen der Arbeiterklasse gegen die Covid-19-Pandemie!“

Sozialistische Gleichheitspartei:
„Verhindert die Ausbreitung von Covid-19 und rettet Leben!
Baut Aktionskomitees in den Betrieben auf!“

International Youth and Students for Social Equality:
Nein zur Wiedereröffnung der Schulen!
Gründet Aktionskomitees zum Schutz von Schülern und Lehrern!“

Andrea Lobo