Remdesivir-Hersteller Gilead Sciences bereichert sich an der Pandemie

2. Juli 2020

Der Pharmariese Gilead Sciences kündigte am Montag an, dass er für sein Coronavirus-Medikament Remdesivir 3.120 Dollar (2.780 Euro) verlangen wird. Das ist der Preis, den die überwiegende Mehrheit der US-Bürger mit einer privaten Gesundheitsvorsorge oder mit Medicare und Medicaid für eine fünftägige Behandlung mit sechs Dosen zahlen müsste. Eine Dosis Remdesivir, das ein Zehntelgramm des Medikaments enthält, kostet damit 520 Dollar –hundertmal mehr als sein Gewicht in Gold.

Das ist schiere Erpressung der amerikanischen Bevölkerung inmitten der Corona-Pandemie. Schätzungen zufolge liegt der Preis 400-mal höher als was nötig wäre, um mit dem Medikament Gewinn zu machen. Es wird erwartet, dass Gilead bis Ende des Jahres 1,3 Milliarden Dollar von privaten Zahlern einnimmt.

Gileads Botschaft ist klar: Die amerikanischen Pharmakonzerne planen, Milliarden am Coronavirus zu verdienen, das weltweit über 10,7 Millionen Menschen infiziert und mindestens 517.000 getötet hat. Bemerkenswert ist, dass die Kurse an der Wall Street in nur zwei Tagen nach Gileads Ankündigung um 800 Punkte gestiegen sind.

Michael Weinstein, Präsident der Stiftung Aids Healthcare, brachte die allgemeine Abscheu gegen Gilead besonders stark zum Ausdruck: „Gilead Sciences hat sich heute sowohl als Kriegsgewinnler als auch als gieriger Schuft entlarvt – eine deprimierende Leistung und eine unglaublich unverfrorene Reaktion auf eine globale Pandemie, die bisher weltweit über eine halbe Million Menschen getötet hat, darunter mehr als 120.000 Todesopfer in den USA.“

Der Vorsitzende und CEO von Gilead, Daniel O’Day, versuchte, in einem offenen Brief die Preistreiberei des Unternehmens zu rechtfertigen. Gestützt auf vorläufige und statistisch nicht signifikante Daten behauptete er, dass Remedesivir „die Zeit bis zur Genesung um durchschnittlich vier Tage verkürzt“, was für Krankenhäuser angeblich eine Ersparnis von „etwa 12.000 Dollar pro Patient“ bedeuten würde.

Die Unternehmensleitung habe daher großzügig beschlossen, „Remdesivir weit unter diesem Wert anzubieten. Für einen breiten und gerechten Zugang in einer Zeit, in der weltweit dringender Bedarf besteht, haben wir einen Preis festgelegt, ... der 2.340 Dollar pro Patient entspricht“. O’Day meint, damit würde man „allen Patienten Zugang“ zu dem Medikament ermöglichen und die „längerfristigen Verantwortlichkeiten“ der Firma ausgleichen.

Er erläuterte zwar nicht, worin diese „längerfristigen Verantwortlichkeiten“ bestehen, aber um Verantwortung gegenüber Corona-Patienten geht es sicherlich nicht. Ein Bericht des Institute for Clinical and Economic Review zeigt, dass die für die Herstellung von Remedesivir benötigten Rohstoffe einer zehntägigen Behandlung nur etwa 10 Dollar kosten. Generikahersteller in Bangladesch und Indien haben für das Medikament 600 Dollar veranschlagt – ein Viertel des „gerechten“ Preises, mit dem sich O’Day brüstet.

Für viele Millionen Patienten in den Vereinigten Staaten werden die Kosten für Remdesivir zwar von ihrer Versicherung übernommen, doch viele weitere Millionen sind abhängig von einer Finanzierung der Coronavirus-Behandlung über das CARES-Gesetz. Wenn diese Gelder zur Neige gehen, werden sie kaum Möglichkeiten haben, das Medikament zu bezahlen. Schon vor der Pandemie waren fast 40 Prozent der Bevölkerung nicht in der Lage, sich in einem Notfall Ausgaben von 400 Dollar zu leisten, geschweige denn das sechs- oder achtfache dieses Betrags.

In einer vernunftorientierten Welt hätte Gesundheits- und Sozialminister Alex Azar von Gilead verlangt, die unverfrorene Preistreiberei sofort zu beenden. Stattdessen begrüßte er das Medikament als „lebensrettend“ und versprach, dass sein Ministerium Remdesivir im Wert von bis zu 1,56 Milliarden Dollar kaufen werde.

Azar selbst hat viele Verbindungen zur Pharmaindustrie. Er war Präsident des großen Arzneimittelkonzerns Eli Lilly and Company, bevor er von US-Präsident Donald Trump für das Gesundheits- und Sozialministerium angeworben wurde. Außerdem war Azar Direktor der Lobbygruppe Biotechnology Innovation Organization und wurde von dem Whistleblower Rick Bright angeprangert, weil er versucht hatte, die Gefahr des Virus herunterzuspielen, als dieser sich im Dezember und Januar in China verbreitete. Bright hatte die US-Behörde BARDA geleitet, die an der Impfstoffentwicklung beteiligt war, aber wurde wegen seiner Kritik versetzt.

Es ist auch unklar, ob Remdesivir bei der Behandlung des neuartigen Coronavirus tatsächlich wirksam ist. Gilead hatte die Wirksamkeit des Medikaments gegen andere Coronaviren getestet – das Schwere akute Atemwegssyndrom (SARS) und das MERS-CoV, das im Nahen Osten seinen Ursprung hat. Aufgrund der positiven Ergebnisse vermutete das Unternehmen, dass es auch gegen das aktuelle SARS-CoV-2 wirken könnte. Ärzte in China haben im Januar damit begonnen, Patienten damit zu behandeln.

Medizinische Studien über die Wirksamkeit von Remdesivir bei der Behandlung von Covid-19 zeigen jedoch, dass es die Sterblichkeitsrate unter Erkrankten nicht signifikant senkt. Das US-Forschungszentrum National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) kam aufgrund seiner Untersuchungen im März und April zu dem Schluss, dass „es angesichts der hohen Mortalität trotz des Einsatzes von Remedesivir klar ist, dass eine Behandlung mit einem antiviralen Medikament allein wahrscheinlich nicht ausreichen wird“. Das heißt, dass Milliarden ausgegeben werden, um ein Medikament zu kaufen, das nach derzeit verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht wirkt.

Das hielt den NIAID-Direktor Anthony Fauci allerdings nicht davon ab, bei der Veröffentlichung der vorläufigen Ergebnisse zu erklären: „Die Ergebnisse zeigen, dass Remdesivir einen deutlichen und signifikant positiven Effekt hat und damit die Genesungszeit verkürzt … Wir denken, dass wir nun auf dem richtigen Weg sind, um das Coronavirus erfolgreich zu behandeln.“

Faucis Unterstützung trug dazu bei, Gileads Aktienkurs in die Höhe zu treiben. Seit Anfang des Jahres ist der Börsenwert des Unternehmens um 20,1 Milliarden Dollar auf 96,5 Milliarden Dollar gestiegen, hauptsächlich dank der Bewerbung von Remedesivir als wirksames Mittel gegen die Pandemie. Das erinnert an den Arzneimittelhersteller Moderna, der seinen Wert um mehr als 200 Prozent auf ein Nettovermögen von fast 25 Milliarden Dollar erhöhen konnte, nachdem er verkündet hatte, dass er an einem eigenen Impfstoff arbeitet.

Moderna-Vorstandsmitglied Moncef Slaoui, der von Trump an die Spitze der Impfstoff-Entwicklungsinitiative „Warp Speed“ geholt wurde, hat sein Vermögen um 2,4 Millionen Dollar gesteigert – dank des Medienrummels nach der Ankündigung Modernas, es mache Fortschritte auf dem Weg zu einem Impfstoff.

Die Medien haben mit ihrer Propagierung von Remedesevir und des Moderna-Impfstoffs als „Wundermittel“ nicht nur die Aktienkurse der Pharmariesen in die Höhe getrieben, sondern auch die Back-to-Work-Kampagne gefördert, um Arbeiter wieder in die Betriebe und Büros zu zwingen, die Brutstätten von Covid-19 sind.

Die Wall Street betrachtet die Pandemie als mögliche Goldgrube. Die großen Banken und Konzerne haben seit März mindestens sechs Billionen Dollar im Rahmen der Rettungspakete erhalten und werden durch überhöhte Preise für potenziell lebensrettende Coronavirus-Behandlungen weitere Milliarden machen. Damit nehmen sie die Bevölkerung in den USA und weltweit faktisch in Geiselhaft.

Gilead ist nur ein Beispiel dafür, in welchem rechtsfreien Raum Unternehmen in den Vereinigten Staaten agieren können. Dasselbe zeigte sich in den letzten Jahren bei der Wasservergiftung in Flint, den Abstürzen von zwei Boeing 737 Max Flugzeugen, der Opioid-Epidemie und den kalifornischen Waldbränden, die vom Energieversorger PG&E verursacht wurden. Kein Unternehmenschef ist jemals für diese Verbrechen ins Gefängnis gegangen. Wie Barack Obamas Generalstaatsanwalt 2013 gegenüber dem Kongress sagte, sind diese modernen Raubritter „zu groß, um eingesperrt zu werden“.

Die katastrophale Reaktion der amerikanischen herrschenden Klasse auf die Corona-Pandemie macht deutlich, wie notwendig es ist, dem Kapitalismus und der Unterwerfung der Gesundheit unter privaten Profit ein Ende zu setzen. Das erfordert die Mobilisierung der gesamten Arbeiterklasse, um die Pharmariesen und alle großen Industriezweige zu enteignen und diese Monopole in öffentliche und demokratisch kontrollierte Versorgungsunternehmen umzuwandeln. Die Diktatur der Konzerninteressen über die Arbeiterklasse muss abgeschafft und die Organisation der Wirtschaft von den Arbeitern selbst in die Hand genommen werden.

Bryan Dyne

 

Siehe auch:

Das „Wundermittel“ Remdesivir und der Kampf gegen Covid-19
[2. Mai 2020]

Dow Jones klettert auf 25.000 – Zahl der Corona-Toten erreicht 100.000
[28. Mai 2020]

Kapitalismus vs. Wissenschaft: Die Lehren aus dem 36-stündigen Moderna-Impfwahnsinn
[21. Mai 2020]