Thyssenkrupp: IG Metall unterdrückt Kritik am Arbeitsplatzabbau

Baut ein unabhängiges Aktionskomitee auf, um Arbeitsplätze und Löhne zu verteidigen!

Von Dietmar Gaisenkersting
14. September 2020

Es vergeht kaum ein Tag, an dem deutsche Stahl- und Metallbetriebe keine neuen Massenentlassungen bekannt geben. Erst letzte Woche hat der Lastwagenhersteller MAN, eine Tochter des VW-Konzerns, den Abbau von 9500 der weltweit 36.000 Arbeitsplätze angekündigt.

Konzerne, Banken und Hedgefonds nutzen die Corona-Krise für Angriffe auf Löhne und Arbeitsplätze, die sie seit langem planen. Seit Jahrzehnten steigen die Aktienkurse. Der DAX ist inzwischen mehr als zehn Mal so viel wert wie vor dreißig Jahren. Einige Wenige sind dadurch unermesslich reich geworden. In Deutschland leben inzwischen über 100 Vermögensmilliardäre. 23.000 Individuen verdienen mehr als eine Million Euro im Jahr.

Diese Bereicherungsorgie kann nur fortgesetzt werden, wenn der Lebensstandard der Arbeiterklasse massiv gesenkt wird. Das ist der Grund für die Massenentlassungen, die Lohnsenkungen und die Steigerung der Arbeitshetze, die nicht nur in Deutschland, sondern in jedem Land der Welt stattfinden.

Die Antwort darauf kann nur eine vereinte Offensive der internationalen Arbeiterklasse sein, die dieser Bereicherungsorgie einen Riegel vorschiebt und von der Perspektive geleitet wird, die Gesellschaft grundlegend neu, nach den Bedürfnissen der breiten Masse der Bevölkerung zu organisieren. Der Kampf gegen Arbeitsplatzabbau darf nicht davon abhängig gemacht werden, ob ein bestimmter Betrieb Gewinne oder Verluste schreibt (die oft das Ergebnis von Milliardenausschüttungen an Aktionäre und Hedgefonds sind). Sie muss vom Prinzip geleitet werden, jeden Arbeitsplatz zu verteidigen, und Bestandteil einer sozialistischen Offensive sein.

Die schlimmsten Gegner, auf die Arbeiter dabei stoßen, sind die IG Metall und ihre Betriebsräte. Die Politik der „Sozialpartnerschaft“, die in Deutschland wie in keinem anderen Land der Welt gesetzlich und institutionell verankert ist, hat sich seit langem als eine Partnerschaft zwischen den Gewerkschaftsfunktionären und den Konzernen entpuppt, die sich direkt gegen die Arbeiter richtet.

Die Gewerkschaftssekretäre und Betriebsratsfürsten, die oft mehrmals so viel verdienen wie ein einfacher Arbeiter, sehen ihre Aufgabe ganz wie die Manager darin, die „Wettbewerbsfähigkeit“ eines Standorts gegen den anderen zu verteidigen. Sie entwickeln im Rahmen der Mitbestimmung die Sanierungspläne und boxen sie im Betrieb gegen die Arbeiter durch. Wer sich widersetzt, wird gekauft, eingeschüchtert oder aus dem Betrieb getrieben.

Das zeigt sich exemplarisch bei ThyssenKrupp. Dort haben sich Vorstand und IG Metall im März auf den Abbau von 3000 Arbeitsplätzen geeinigt, um den Stahlbereich des Konzerns für den Verkauf oder eine Fusion fit zu machen.

Am 2. September hat die World Socialist Web Site berichtet, wie die Personalabteilung und die Betriebsräte vor allem ältere Arbeiter unter Druck setzen, damit sie den Betrieb gegen eine magere Abfindung verlassen. Der Bericht stützte sich auf Gespräche mit mehreren Kollegen, deren Namen allerdings nicht genannt wurde, um sie vor Repressalien zu schützen.

Der Artikel ging auch auf die enge Verflechtung von Gewerkschaft und Konzernvorstand ein. So war der Arbeitsdirektor von Thyssenkrupp, Markus Grolms, der im Vorstand für die Entlassungen verantwortlich ist, bis April dieses Jahres Gewerkschaftssekretär der IG Metall.

Der Artikel traf offensichtlich einen Nerv und schlug im Betrieb hohe Wellen. Er verbreitete sich rasend schnell auf Whatsapp und wurde mehrere tausend Mal gelesen. Viele Arbeiter bestätigten die Rolle von Betriebsrat und IG Metall. So schrieb einer der WSWS: „Das war früher schon so, es kam bloß nicht an die große Glocke. Die Gewerkschaften stopfen sich die Taschen voll. Betriebsräte und Gewerkschaften haben Tausende von Arbeitsplätzen auf dem Gewissen.“

Auf Facebook, wo IGM-Funktionäre leichter Zugang haben, äußerten sich Arbeiter zurückhaltender. Dafür entrüsteten sich in diesen Gruppen IGM-Vertreter. Ihnen hat sich auch Fred Wans angeschlossen, der 2014 mit einer oppositionellen Liste zur Betriebsratswahl angetreten und deshalb aus der IGM ausgeschlossen worden war. Die WSWS hatte mehrmals darüber berichtet.

Nun verteidigt Wans seine IGM-Kollegen im Betriebsrat ausdrücklich gegen die Kritik der Arbeiter. „Alle [!] meine Kollegen im Betriebsrat, die die Mitarbeiter zur Einladung zum Sozialplangespräch betreuen, machen einen hervorragenden Job“, schrieb er in einem Facebook-Post in seiner privaten Gruppe. Die Berichte von Arbeitern, die sich von den Betriebsräten unter Druck gesetzt fühlen, bezeichnete er als „üble Nachrede“.

Den Autor des WSWS-Artikels forderte er ultimativ auf, seine Informanten zu nennen. Als er dies nicht tat, schloss er ihn aus seiner Facebook-Gruppe aus. Außerdem drohte er mit einer zivilrechtlichen Klage.

Wans weiß natürlich, dass die WSWS keine falschen Tatsachen behauptet, ihre Informationen gründlich überprüft und ihre Quellen schützt und niemals an die IG Metall und ihre Betriebsräte ausliefert. Schon 2015, als er noch im Konflikt mit der IGM stand, hatte diese die oppositionellen Betriebsräte unter Druck gesetzt, die Informanten der WSWS preiszugeben. Nun tut Wans dasselbe.

Wie ist diese Kehrtwende zu erklären?

Wir kennen die persönlichen Motive von Wans nicht und wissen auch nicht, was sich hinter den Kulissen alles abgespielt hat. Doch politisch überrascht uns seine Entwicklung nicht. Obwohl er gegen die IG Metall und gegen die Lohnkürzungen, die sie im Betrieb vereinbarte, opponierte, brach er nie mit ihrer engen, gewerkschaftlichen Perspektive.

Bereits im Frühjahr 2015 hatte die WSWS deshalb gewarnt: „Die Beschränkung auf minimale gewerkschaftliche Forderungen kann die grundlegenden Probleme der Belegschaft nicht lösen und hat eine unerbittliche Logik. Sie führt zur Unterordnung unter die sogenannten betrieblichen und wirtschaftlichen Sachzwänge und verwandelt die oppositionellen Betriebsräte von heute in korrupte Sozialpartner von morgen.“

Wir fragten: „Was ist, wenn der weltweite Stahlmarkt aufgrund der anhaltenden Weltwirtschaftskrise einbricht und der Vorstand oder ein Finanzinvestor wie Cevian Capital die Zerschlagung des Stahlstandorts in Duisburg verlangt? Wird die Opposition im Betriebsrat dann fordern, eine Zerschlagung durch Lohnsenkungen und Arbeitsplatzabbau zu verhindern, um so den ‚Standort zu retten‘? Wird sie eine Zerschlagung des Standorts ‚sozialverträglich gestalten‘?“

Genau das ist nun eingetreten. 2014 hatte Wans seine oppositionelle Liste „Interessengemeinschaft 35-Stunden-Woche“ genannt, weil sie sich gegen die von der IGM vereinbarten Lohnkürzungen mittels einer verkürzten Arbeitszeit richtete. Inzwischen unterstützt Wans selbst eine Verkürzung der Arbeitszeit mit dem trügerischen Argument, damit würde der Standort gesichert.

Die Erfahrungen bei Thyssen-Krupp unterstreichen, dass die Verteidigung der Arbeitsplätze, Einkommen und sozialen Rechte einen vollständigen Bruch mit den Gewerkschaften und ihrer sozialpartnerschaftlichen Perspektive erfordert. Notwendig ist der Aufbau von Aktionskomitees, die sich völlig unabhängig von den Gewerkschaften organisieren, um Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen zu verteidigen, und die sich mit den Arbeitern anderer Betriebe im In- und Ausland vernetzen.

Der Autor dieses Artikels lädt die Beschäftigten von Thyssenkrupp ein, seiner Facebook-Gruppe beizutreten, um diese Perspektive zu diskutieren und ein Aktionskomitee aufzubauen. Damit die Diskussion offen geführt werden kann, haben IG-Metall-Funktionäre und deren Betriebsräte keinen Zugang.

Hier geht es zur Gruppe: https://www.facebook.com/groups/334060001050051

 

Siehe auch:

Thyssenkrupp-Stahl: IG Metall organisiert Arbeitsplatzabbau
[2. September 2020]

Betriebsratswahl bei ThyssenKrupp in Duisburg: Opposition büßt Mandate ein
[30. März 2018]

Wie weiter im Kampf gegen die Kumpanei der IGM mit der Geschäftsleitung?
[27. Mai 2015]

Thyssenkrupp wird zerschlagen
[23. Mai 2020]

Thyssenkrupp: Markus Grolms wechselt von der IG Metall in den Konzernvorstand
[1. Februar 2020]