Risikogruppen in Schulen: „Die Regierungen wollen uns durchseuchen.“

Ein Gespräch mit einer Alleinerziehenden über ihre Erfahrungen in der Corona-Krise

Von Dietmar Gaisenkersting
30. September 2020

Seitdem die Schulen nach den Sommerferien wieder ihren Betrieb aufgenommen haben, steigt die Zahl der Covid-19-Fälle stark an. Gestern hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einer Videokonferenz mit den Landesministerpräsidenten weitere Maßnahmen im Zuge der Covid-19-Pandemie besprochen. Das Ziel ist dabei ausdrücklich, die Öffnung der Schulen aufrecht zu erhalten.

Denn damit die Profite sprudeln, müssen Arbeiter wieder in die Fabriken und Betriebe. Ohne Unterbringung und Betreuung der Kinder können ihre Eltern nicht arbeiten. Das ist der wirkliche Grund für die Öffnung der Schulen und Kitas. Gestern berichtete die WSWS, wie Lehrer und Schüler selbst aus Risikogruppen rigoros zurück in die Schulen gezwungen werden.

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht gestern eine Tabelle, in der sie Angaben der Länder zu den vom Präsenzunterricht befreiten Lehrkräften zusammenfasste. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache.

Baden-Württemberg führt die Tabelle mit großem Abstand an. Dabei sind dort nur 7020 (6 Prozent) der Lehrer vom Präsenzunterricht befreit. In Nordrhein-Westfalen sind es 5100 (3,3 Prozent) und in Bayern 980 (0,9 Prozent). In Rheinland-Pfalz wurden nur 338 Anträge genehmigt (0,1 Prozent), in Schleswig-Holstein sogar nur 23 und 2277 abgelehnt. Im von CDU, SPD und Grünen regierten Sachsen-Anhalt ist nicht ein einziger Antrag auf Befreiung vom Präsenzunterricht genehmigt worden.

Dieser skrupellose Zwang, selbst stark gefährdete Menschen in die Schulen zu zwingen, trifft nicht nur die Lehrer, sondern auch ihre Schüler. Um das Kindeswohl, das stets bemüht wird, geht es dabei ganz offensichtlich nicht. Das bezeugen auch die Erfahrungen, die Tanja Woltermann seit Beginn der Corona-Krise machen muss.

Die Alleinerziehende ist Mutter eines 13-jährigen Sohnes und vierjähriger Zwillinge. Der 13-jährige Taylor ist geistig behindert und hatte es bereits vor der Corona-Krise nie einfach. Auf der Förderschule für Lernbehinderte, die er besucht, sei er den schulischen Anforderungen nicht gewachsen, er wird gehänselt von Mitschülern. „Die Lehrer unterstellten ihm, er sei faul“, berichtet Tanja. Die Folge: „Taylor hat viele Fehlzeiten.“ Der Gedanke, zur Schule gehen zu müssen, mache ihn krank.

„Als dann Corona kam und Taylor ins Home-Schooling durfte, ist er regelrecht aufgeblüht, er hat das gerne gemacht.“ Bereits als sich abzeichnet, dass die Schulen trotz anhaltender Infektionen wieder geöffnet werden, kontaktiert sie sofort die Schule. Denn Taylor und seine kleinen Geschwister haben alle eine Atemwegserkrankung, „eine obstruktive Bronchitis“. Die Verengung der Atemwege sei noch nicht chronisch, auch wenn sie seit Jahren immer wieder auftritt, im Medizinischen heiße das „rezidiv“. „Das kann auch zu COPD führen.“ Diese chronische Lungenkrankheit ist derzeit nicht heilbar. Tanja erklärt: „Alle drei nehmen Cortison.“

Während sie keine Probleme hat, die Kleinen zuhause zu betreuen, gilt in Deutschland die Schulpflicht, auch für Taylor. „Der Schulleiter sagte mir, er benötige wegen der zuvor aufgekommenen Fehlzeiten ein ärztliches Attest.“

Was sich so einleuchtend wie einfach anhört, ist für Tanja der Beginn einer wahrhaften Odyssee durch die Bürokratie des Schul- und des Gesundheitssystems. „Der jetzige Kinderarzt konnte kein Attest ausstellen, da er keine Diagnose erstellt hatte.“ Also kontaktiert sie den Arzt, der vor neun Jahren die rezidive obstruktive Bronchitis diagnostiziert hatte. „Doch der sagte mir erst einmal am Telefon, die Krankheit sei eine Form von Asthma und damit könne man laut den Richtlinien zur Schule“, fährt Tanja fort.

Sie versucht, die Krankenakte ihres Sohnes zu bekommen und erntet zunächst nur Ausflüchte. „Die Akte sei angeblich nicht mehr da, das sei zulange her“, so Tanja, die inzwischen weiß: „Krankenakten müssen zehn Jahre aufbewahrt werden.“ Schließlich erhält der aktuelle Kinderarzt die Krankenakte und kann darauf gestützt ein Attest ausstellen.

Dadurch ist Taylor für den Präsenzunterricht entschuldigt. „Sobald sich das Infektionsgeschehen zum Besseren entwickelt (z. B. durch Entwicklung eines Impfstoffes o.ä.)“, schreibt der Schulleiter, „werden wir gemeinsam abwägen, wie und ab wann wieder der Präsenzunterricht von Taylor aufgenommen werden kann.“ Tanja sagt: „Uns beiden ist ein Stein vom Herzen gefallen.“

Doch bereits zwei bis drei Wochen später hätten sie eine Einladung zum Amtsarzt bekommen. Taylor hat Angst, wieder zur Schule zu müssen. „Der Schulleiter besteht darauf, dass Taylor amtsärztlich untersucht wird“, berichtet Tanja. Ihr habe der Amtsarzt gesagt, die Schule „will eine Bescheinigung haben, dass mein Sohn am Unterricht teilnehmen kann“. Hörbar wütend glaubt sie: „Da ist doch von vornherein klar, was bei der Untersuchung herauskommen soll. Außerdem hat der Schulleiter geschrieben, dass sich das Infektionsgeschehen ja positiv geändert habe.“

Tanja bittet den Schulleiter in einer Mail, seinen Antrag auf Einschaltung des Amtsarztes zurückzunehmen. Dieser antwortet, dass er das nicht machen werde, und argumentiert mit dem Kindeswohl. „Es war ja gerade Ihr Anliegen, Klarheit über den Belastungsgrad und die kognitiven Fähigkeiten Ihres Sohnes zu bekommen“, heißt es in seiner Mail.

Zwei Tage vor dem Termin beim Amtsarzt wird ihr Sohn sterbenskrank und wird per Notarzt ins Krankenhaus eingewiesen. Der erklärt den Zusammenbruch des Jungen mit Stress und Angst. Nach Rücksprache mit der Schulbehörde, solle Tanja den Schulleiter auffordern, einen Antrag auf Schul- und Schwerpunktwechsel zu stellen. Solange bleibt er als einziger Schüler seiner Schule im Distanzunterricht.

Tanja regt es auf, dass die Gefahren des Corona-Virus‘ auch von Seiten der Schule offensichtlich heruntergespielt werden. „Letztens sollte Taylor ins Schulsekretariat, Arbeitsmaterialien abholen“, berichtet sie, „mitten im Schulbetrieb sollte er in den 2. Stock – das geht gar nicht.“ Das sei aber nicht der einzige Hinweis auf die Verharmlosung der Gefahren. „Die Schulsozialarbeiterin sagte mir, Covid-19 ist doch nicht schlimmer als Grippe.“

Tanja, die über Facebook auch mit Betroffenen in den USA verbunden ist und Erfahrungen austauscht, sieht die politischen Hintergründe. Die nordrhein-westfälische CDU/FDP-Landesregierung unter Armin Laschet (CDU) sehe nicht einmal vor, dass Risiko-Kinder zuhause bleiben können. „Das Schulamt sagte mir, das es eigentlich gar keinen Distanzunterricht mehr gibt in Nordrhein-Westfalen, nur in Ausnahmen. Aber die bestätigen halt die Regel.“

Sie weist darauf hin, dass NRW Corona-Spitzenreiter bei den Infizierten-Zahlen ist. „Wenn [NRW-Schulministerin Yvonne] Gebauer sagt, wir können nicht alle retten, für die psychischen Folgen gäbe es Schulpsychologen und Sozialarbeiter, antworte ich klar: Nein, wir können die Kinder retten. Sie müssen zuhause bleiben.“

Sie berichtet, dass Ministerin Gebauer (FDP) auf dem Portal „Bildungsland NRW“ am Weltkindertag schrieb, sie wolle, dass es allen Kindern gut gehe. Nicht nur Tanja hat das aufgeregt. Sie schließt: „Meiner Meinung nach wollen die Regierungen uns durchseuchen. Aber wir sind für unsere Kinder verantwortlich.“

Ähnlich wie Tanja und ihren Kindern ergeht es vielen. Unter den aktuellen Bedingungen, ist es unmöglich, einen sicheren Schulbetrieb zu organisieren. Insbesondere die Risikogruppen sind daher einer tödlichen Gefahr ausgesetzt. Die Bundes- genauso wie die Landesregierungen nehmen den Tod vieler Menschen – jung und alt – bewusst in Kauf. Ihr Leben wird den Wirtschaftsprofiten geopfert.

 

Siehe auch:

Covid-19: Kein Schutz für Risikogruppen trotz dramatischem Anstieg der Infektionen
[29. September 2020]

Gründet unabhängige Aktionskomitees für die Sicherheit von Pädagogen, Schülern und Eltern!
[10. September 2020]

Öffnung der Schulen treibt die Zahl der Covid-Todesfälle weltweit auf über eine Million
[23. September 2020]

Griechenland: Schülerproteste gegen Politik der Herdenimmunität weiten sich aus
[26. September 2020]